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17.02.2020

Studientag zur Waldrettung: „Extreme Hitze und Trockenheit werden einen Waldumbau nötig machen“

Studientag zum Wald in Zeiten des Klimawandels in Eichstätt mit v.l. Ralf Straußberger (Bund Naturschutz), Klaas Wellhausen (Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten), Josef Ziegler (Präsident Bayerischer Waldbesitzerverband), Professor Dr. Andreas Bolte (Thünen-Institut) und als Moderator Michael Heberling aus Eichstätt. Foto:Martin Wagner/KLB

Prof. Dr. Andreas Bolte. Foto:Martin Wagner/KLB

Eichstätt – „Der Klimawandel mit immer mehr extremen Hitze- und Trockenheitsereignissen machen einen Waldumbau und Wiederaufforstung nötig“, sagte der Hauptreferent Prof. Dr. Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme, bei einem Studientag am Samstag, 15. Februar, im Priesterseminar in Eichstätt.

Mit gut 100 Teilnehmenden aus dem Bistum Eichstätt und ganz Bayern war das Jesuiten-Refektorium des Priesterseminars in Eichstätt nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Thema „So viel mehr als nur Holz! Wie retten wir unsere Wälder?“ hatte offensichtlich einen Nerv getroffen, vor allem auch bei vielen Waldbesitzern. Dazu trug sicher auch die  hochkarätige Besetzung der Workshops und des Podiums bei, die die Veranstalter vom Referat Schöpfung und Klimaschutz des Bistums Eichstätt und Landesbildungswerk der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) in Bayern für den Studientag zusammenstellen konnten.

„Wir erleben erst die Vorboten der Klimafolgen“

Hauptreferent Prof. Dr. Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme und Präsident des Deutschen Verbands Forstlicher Forschungsanstalten (DVFFA), machte in seinem Einstiegsreferat deutlich, wie die aktuelle Situation im Wald als Reaktion auf den Klimawandel ist.

Die aktuelle Lage mit 5-10 Prozent geschädigten Bäume bei den Fichten möchte er noch nicht als Waldsterben 2.0 bezeichnen, da es vermutlich erst die Vorboten dessen seien, was uns noch erwarten könne.

Es werde zu einer „Kontinentalisierung“ des Klimas kommen, so dass es immer noch extreme Kaltereignisse geben werde, aber vor allem immer mehr extreme Hitze- und Trockenereignisse. Trockene Perioden in Herbst und Winter verschärften durch eine geringere Auffüllung der Wasserstände die Situation durch die trockenen und heißen Sommer. Der Wandel des Klimas gehe ungefähr 10 bis 15 Mal so schnell vor sich, wie nach der letzten Eiszeit. Deshalb gäbe es eine hohe Diskrepanz zwischen dem Wandel und der Anpassungsfähigkeit der Pflanzen.

Eine aktive Wiederbewaldung sei nötig, müsse aber mit einem Waldumbau einhergehen. Die Naturverjüngung sei gut, es müsse aber von Fall zu Fall abgewogen werden, ob sie ausschließlich der richtige Ansatz sei, denn „Assisted Migration“ und die Anpflanzung von exotischen Baumarten müssten unbedingt mitgedacht werden. Dabei müsse ein adaptiver Waldbau die natürliche Wanderung der Baumarten widerspiegeln und begleiten.

In jedem Fall müssten wir weg von Reinbeständen im Waldbau, weil die Entwicklungen nicht vorhersehbar seien. Wir müssten auf eine erweiterte Baumpalette setzen. Waldtierbewirtschaftung und Jagd müssten dabei ihren Beitrag leisten. Nicht zuletzt müssten rechtliche Hemmnisse beim Saatgut in der EU abgebaut und Fördermittel für Wiederbewaldung und Waldanpassung erhöht werden.

Workshops vertieften das Thema

Anschließend konnten die Teilnehmenden in zwei Runden an einem Angebot von vier Workshops und – erstmalig – auch an einer Exkursion teilnehmen. Klaas Wellhausen, Vertreter des Landwirtschaftsministeriums, stellte in seinem Arbeitskreis die Forstpolitik der Bayerischen Staatsregierung vor. Professor Bolte ging in seiner Gruppe nochmals vertieft auf seine Forschungsarbeit ein. Dr. Ralf Straußberger, Forst- und Jagdreferent des Bund Naturschutz Bayern, erläuterte die Sicht des Naturschutzes. In der vierten Arbeitsgruppe stellten die beiden Förster Matthias Drexler und Peter Langhammer das schöpfungsfreundliche Waldkonzept des Bistums Passau vor.

Wer gut zu Fuß war, konnte sich im nahegelegenen Rosental von Dr. Elke Harrer von der Forstbetriebsgemeinschaft Eichstätt und Roland Beck vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, das Bewirtschaftungskonzept des Seminarwaldes zeigen lassen. Eindrucksvoll erlebt werden konnte hier, was u.a. Wiederaufforstung, Naturverjüngung und Borkenkäferschäden in der Praxis bedeuten.

Abschlusspodium mit Ministerium, Waldbesitzerverband und Bund Naturschutz

Konfrontiert mit verschiedenen Punkten, die sich aus den einzelnen Workshops des Tages ergeben hatten und Fragen aus dem Publikum, beschäftigte sich das abschließende lebhafte Podium mit Professor Bolte, Klaas Wellhausen, Dr. Ralf Straußberger und Josef Ziegler, Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes.

Eine kontroverse Frage war, wie stark beim – von allen als notwendig erkannten – Waldumbau auf heimische Arten oder auch auf Baumarten aus anderen Ländern gesetzt werden soll. Professor Bolte und Josef Ziegler sprachen sich hier klar für ein offeneres Denken und intensiv gemischte Bestände aus, betonten jedoch auch, dass die Naturverjüngung und ein gewisser Fokus auf heimische Arten selbstverständlich wichtig seien. Ziegler fügte noch hinzu, dass man keine Ängste schüren solle, die neue Förderrichtlinie führe erneut zu plantagenartigem Anbau von Monokulturen – das würde heute nicht mehr vorkommen. Dagegen stellte Ralf Straußberger in Frage, ob man mit öffentlichen Geldern die Ansiedlung von Baumarten fördern sollte, bei denen unklar sei, ob sie sich in das heimische Ökosystem einfügen würden, wie z.B. bei bis zu 70% Douglasien, die möglich seien. Klaas Wellhausen legte dar, dass der Bayerische Staat Konzepte wie „Assisted Migration“ im Blick habe, vorrangig aber auf heimische Arten und auf Naturverjüngung setze.

Arten- und Klimaschutz im Wald – wie gelingt die Anpassung an den Klimawandel?

Auch in der Frage, wie Arten- und Klimaschutz beim Wald ineinander greifen müssen, wurde um Detailfragen wie z.B. die Belassung von Totholz im Wald heftig gerungen, obwohl auch hier niemand grundsätzlich in Frage stellte, dass nur ein gesunder Wald eine Chance hat, sich dem Klimawandel anzupassen. Klaas Wellhausen betonte, dass der Bayerische Landtag erst vor kurzem mit dem Beschluss, 10% der staatlichen Wälder aus der Nutzung zu nehmen und damit naturnah zu belassen, ein deutliches Zeichen gesetzt habe.

Peter Langhammer brachte in einem Wortbeitrag jedoch seine Überraschung darüber zum Ausdruck, dass 30 Jahre, nachdem er in der Ausbildung schon gelernt habe, dass man den Wald im Hinblick auf die kommenden klimatischen Veränderungen umbauen müsse, dieses Thema plötzlich das aus seiner Sicht ebenso wichtige Thema Artenschutz an den Rand dränge und teilweise gegen den Artenschutz ausgespielt werde. Er wünsche sich ein Waldkonzept, das den Wald auch Wald sein lasse und nicht nur eine Ansammlung von Bäumen, die wirtschaftlich genutzt würden.

Ralf Straußberger unterstrich ebenfalls, dass die Biodiversität sehr wichtig sei und naturnahe Wälder deshalb nicht zugunsten kürzerer Wachstumszeiten im Namen des Klimawandels geopfert werden dürften.

Josef Ziegler warb mehrmals eindrücklich dafür, weniger mit pauschalen Urteilen in die wichtige Auseinandersetzung um die Zukunft des Waldes zu gehen. Man müsse auf Vernunft und Wissenschaft setzen. Er betonte auch, dass die heutigen Waldbesitzer nicht dafür verantwortlich gemacht werden dürften, dass sich die jetzige Zusammensetzung der Wälder vielfach aus einer völlig anderen gesellschaftlichen Zielsetzung nach dem Ende des ersten Weltkrieges ergeben habe. Vor allem die vielen kleinen Waldbesitzer bräuchten finanzielle Hilfen und Beratung beim dringend notwendigen Waldumbau, da für sie der Wald vielfach schon lange keine wirtschaftliche Relevanz mehr habe. Durch konsequentes Handeln müsse vor allem im Privatwald Zeit für die Umgestaltung des Baumbestandes gewonnen werden.

Es müsse, betonte Waldbesitzerpräsident Ziegler, einen guten Arten-Mix geben, der auch im Blick habe, was am Markt an Holz nachgefragt werde. Er freue sich, dass durch die aktuelle Debatte der Wald als erstes heimisches Opfer des Klimawandels sichtbar werde. Schließlich warb er für Holz als Baustoff, der je Kubikmeter eine Tonne CO2 speichere, wohingegen Beton je Kubikmeter drei Tonnen CO2 freisetze. Hier stimmten die Mitdiskutanten zu, wenngleich sie unterschiedlich beurteilten, welchen Gesamteffekt man hier auf die CO2-Einsparung in Deutschland erzielen könne.

Wem kommen die neuen CO2-Abgaben dem Wald zugute?

Bezüglich der neu beschlossenen CO2-Abgaben herrschte zwar grundsätzlich Einigkeit unter den Diskutanten, dass Mittel aus diesen Einnahmen auch den Waldbauern zugutekommen müssten, da diese wesentlich Geschädigte des Klimawandels seien. Insbesondere Ralf Straußberger legte aber Wert darauf, dass dies aus seiner Sicht nur für Maßnahmen in Frage komme, die der Resilienz der Wälder zugutekämen. Er wünschte sich von den Teilnehmenden, dass die Gesellschaft mehr Druck machen solle für mehr Klimaschutz.

In ihren Schluss-Statements betonten alle vier Podiumsgäste, dass Veranstaltungen wie diese sehr wertvoll seien, da sie die Möglichkeit für Wissenschaft, Politik, Naturschutz und Verband böten, die Stimme der Praxis zu hören und in den dringend notwendigen Austausch untereinander zu kommen.

Den Abschluss des Tages bildete eine Vesper in der Kapelle des Priesterseminars, die die Teilnehmenden des Studientages zusammen mit der Referentin für Landpastoral des Bistums Eichstätt, Agnes Mayer, feierten.

Veranstalter ziehen positives Fazit für Kirche und Verbände

Für die Veranstalter, das Referat Schöpfung und Klimaschutz des Bistums Eichstätt und das Landesbildungswerk der KLB in Bayern zogen Nachhaltigkeitsreferentin Lisa Amon und Landesgeschäftsführer Martin Wagner ein positives Fazit: „Es war ein sehr guter und wertvoller Austausch zwischen den Fachleuten aus Politik, Verband, Wissenschaft und Naturschutz. Wir sind sehr erfreut über die hohe Resonanz, vor allem auch über die vielen Teilnehmenden mit Waldbesitz“, so Lisa Amon vom Bistum Eichstätt. „Die Kirche muss auch hier mit einem guten Vorbild für Nachhaltigkeit vorangehen, so wie es z.B. im Bistum Passau uns dargestellt wurde.“, betont Martin Wagner für die KLB Bayern.

Quelle: KLB Bayern



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