Wie erklären Sie einem Laien das Personenkonzept von Ricœur? Inwieweit hilft es weiter bei der Frage, wo der Einsatz von Robotik und KI in der Pflege vertretbar ist?
Nach dem französischen Philosophen Paul Ricœur konstituiert sich das Personsein in der Begegnung mit dem Anderen. Es geht um Beziehung, die schließlich in wechselseitige Anerkennung mündet. Für die Pflege bedeutet dies: die pflegebedürftige Person ist auf die pflegende Person angewiesen. Dieses asymmetrische Verhältnis in der Pflege kann in Anlehnung an Ricœur aufgebrochen werden. Die pflegende Person antwortet auf einen Appell (die Bitte um Fürsorge) mit einer Gabe (Pflege und damit Fürsorge). Das macht etwas mit beiden Personen: es findet wechselseitige Anerkennung statt. Wird dieser wechselseitige Anerkennungsprozess durch Roboter oder sogenannte KI ersetzt, gibt es diesen Transformationsprozess nicht. Daraus lassen sich klare rote Linien ableiten: Jede pflegerische Handlung, die einen fürsorglichen Aspekt beinhaltet, gehört in die Hände von menschlichen Pflegekräften. Hier entsteht Beziehung, die für gute Pflege unerlässlich ist.
Technik hat jedoch auch ihren Platz. In der Pflege fallen sehr große Datenmengen an. Technologien sollten dort eingesetzt werden, wo sie die Last der Pflegekräfte tatsächlich reduzieren. Vorstellbar ist dies besonders im Bereich der Dokumentation, wobei die Technik gegebenenfalls warnen darf, die Entscheidung jedoch beim Menschen liegen muss („Human in the Loop“). Auch Reinigungsroboter, smarte Pflegewagen sowie Sensorik, die etwa Stürze meldet und Hilfe anfordern kann, sind für den Einsatz denkbar.
Der Caritasverband befasst sich schon seit einiger Zeit mit der Entwicklung von Assistenzrobotern. Wie verbreitet sind solche mittlerweile?
Wir sehen Inseln der Anwendung, jedoch aktuell keinen flächendeckenden Einsatz. Gerade Assistenzrobotik erscheint vorwiegend in Pilotprojekten. Sogenannte „emotionale Robotik“ wie Pepper oder Paro, die meines Erachtens jedoch hochkritisch betrachtet werden sollten, findet hingegen häufiger Einzug in Pflegeeinrichtungen. Häufig scheitert der weitere Einsatz nach Pilotprojekten an der technischen Komplexität der Systeme.
Aus meiner Perspektive sollte ausschließlich Technik eingesetzt werden, die die Pflege tatsächlich entlastet und damit mehr Raum für Fürsorgetätigkeiten schafft. Die Innovationsschübe, verbunden mit Freiräumen für zwischenmenschliche Interaktionen, sollten dann auch Einzug in die Pflegeausbildung finden, die einen technischen und zwischenmenschlichen Fokus beinhalten wird.
An der KU Eichstätt-Ingolstadt, Ihrer früheren Wirkungsstätte, gibt es auch einen Pflegewissenschaften-Studiengang. Werden Sie da mal Ihre Ergebnisse präsentieren?
Ja, das würde mich sehr freuen!
Das Interview führt Gabi Gess für inne]halten – Die Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt

