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06.11.2025

Pflege im Wandel: Wo Robotik endet – und menschliche Fürsorge beginnt

Wie können neue Technologien zu menschenwürdiger Pflege beitragen? Das wird am Campus Garmisch-Partenkirchen erforscht. Hier bespricht ein Mitarbeiter der TU München mit Pflegekräften des Garmischer Altenheims St. Vinzenz die Anforderungen, die Pflegende an den Assistenzroboter GARMI haben. Foto: TU München.

Eichstätt/Luzern – Wie verändern Robotik und Künstliche Intelligenz die Pflege – und was bedeutet das für die Würde des Menschen? Mit dieser Thematik hat sich die Theologin Dr. Alexandra Kaiser-Duliba in ihrer an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) entstandenen Doktorarbeit befasst. Am 10. November erhält sie dafür den „Preis für junge Theologie. Kardinal-Wetter-Preis der Katholischen Akademie in Bayern“. Die Arbeit der mittlerweile in der Schweiz tätigen Wissenschaftlerin trägt den Titel „Personalisiert – Entpersonalisiert. Ethische Beurteilung des Einsatzes von Robotik und Künstlicher Intelligenz in der Pflege anhand des Personkonzepts von Paul Ricœur“. Mit ihrer Promotion habe Kaiser-Duliba einen wichtigen Beitrag zur theologisch-ethischen Diskussion neuer technischer Möglichkeiten in der Pflege geleistet, heißt es in der Begründung für den Preis.

Frau Kaiser-Duliba, zum Robotereinsatz in der Pflege haben sich bereits der Ethikrat und der Deutsche Caritasverband positioniert. Beide lehnen ihn nicht grundsätzlich ab, plädieren jedoch für verantwortungsvollen Einsatz. Ist das der Punkt, an dem Ihre Arbeit einsetzt?

Ja genau. Ich teile die Grundlinie, dass es kein generelles „Nein“ für den Einsatz von Robotik in der Pflege geben sollte, jedoch braucht es hier klare Leitplanken. Meine Arbeit setzt genau dort an, wo der Begriff „verantwortungsvoll“ konkret werden muss. Dies bedeutet, dass die Menschen klar im Vordergrund stehen müssen – sowohl pflegebedürftige als auch pflegende. Der Technikeinsatz von Robotik und/oder datenbasierte Systeme, sogenannte Künstliche Intelligenz, muss Freiräume für Beziehung schaffen, sodass klar die Fürsorge im Fokus der pflegerischen Akten liegt.

 

Wie erklären Sie einem Laien das Personenkonzept von Ricœur? Inwieweit hilft es weiter bei der Frage, wo der Einsatz von Robotik und KI in der Pflege vertretbar ist?

Nach dem französischen Philosophen Paul Ricœur konstituiert sich das Personsein in der Begegnung mit dem Anderen. Es geht um Beziehung, die schließlich in wechselseitige Anerkennung mündet. Für die Pflege bedeutet dies: die pflegebedürftige Person ist auf die pflegende Person angewiesen. Dieses asymmetrische Verhältnis in der Pflege kann in Anlehnung an Ricœur aufgebrochen werden. Die pflegende Person antwortet auf einen Appell (die Bitte um Fürsorge) mit einer Gabe (Pflege und damit Fürsorge). Das macht etwas mit beiden Personen: es findet wechselseitige Anerkennung statt. Wird dieser wechselseitige Anerkennungsprozess durch Roboter oder sogenannte KI ersetzt, gibt es diesen Transformationsprozess nicht. Daraus lassen sich klare rote Linien ableiten: Jede pflegerische Handlung, die einen fürsorglichen Aspekt beinhaltet, gehört in die Hände von menschlichen Pflegekräften. Hier entsteht Beziehung, die für gute Pflege unerlässlich ist.

Technik hat jedoch auch ihren Platz. In der Pflege fallen sehr große Datenmengen an. Technologien sollten dort eingesetzt werden, wo sie die Last der Pflegekräfte tatsächlich reduzieren. Vorstellbar ist dies besonders im Bereich der Dokumentation, wobei die Technik gegebenenfalls warnen darf, die Entscheidung jedoch beim Menschen liegen muss („Human in the Loop“). Auch Reinigungsroboter, smarte Pflegewagen sowie Sensorik, die etwa Stürze meldet und Hilfe anfordern kann, sind für den Einsatz denkbar.

Der Caritasverband befasst sich schon seit einiger Zeit mit der Entwicklung von Assistenzrobotern. Wie verbreitet sind solche mittlerweile?

Wir sehen Inseln der Anwendung, jedoch aktuell keinen flächendeckenden Einsatz. Gerade Assistenzrobotik erscheint vorwiegend in Pilotprojekten. Sogenannte „emotionale Robotik“ wie Pepper oder Paro, die meines Erachtens jedoch hochkritisch betrachtet werden sollten, findet hingegen häufiger Einzug in Pflegeeinrichtungen. Häufig scheitert der weitere Einsatz nach Pilotprojekten an der technischen Komplexität der Systeme.

Aus meiner Perspektive sollte ausschließlich Technik eingesetzt werden, die die Pflege tatsächlich entlastet und damit mehr Raum für Fürsorgetätigkeiten schafft. Die Innovationsschübe, verbunden mit Freiräumen für zwischenmenschliche Interaktionen, sollten dann auch Einzug in die Pflegeausbildung finden, die einen technischen und zwischenmenschlichen Fokus beinhalten wird.

An der KU Eichstätt-Ingolstadt, Ihrer früheren Wirkungsstätte, gibt es auch einen Pflegewissenschaften-Studiengang. Werden Sie da mal Ihre Ergebnisse präsentieren?

Ja, das würde mich sehr freuen!

Das Interview führt Gabi Gess für  inne]halten – Die Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt

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