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04.11.2017

Greding, Martinskirche

Die Martinskirche prägt mit ihrer markanten Silhouette das Bild des Städtchens Greding. Diese Kirche ist nicht nur ein sehenswertes Schmuckstück und gut erhaltenes romanisch geprägtes Baudenkmal, sie beherbergt obendrein eine der wertvollsten und spannendsten Glockenanlage aus dem Fundus der Glockendatenbank der Diözese Eichstätt.

Greding, Martinskirche. Bild: Thomas Winkelbauer

Schon in der "Matrikel des Bisthums Eichstätt nach dem Stande des Jahres 1875" werden für die Gredinger Martinskirche außergewöhnlich viele Glocken aufgeführt. Im Einzelnen sind dies zwei 1696 gegossene Exemplare des Neuburger Gießers (Johann) Schelchshorn, zwei 1722 gefertigte Glocken von (Matthias) Stapf aus Eichstätt, sowie ein Instrument des Nürnberger Gießers (Christian Victor) Herold aus dem Jahr 1754. Mit insgesamt fünf Glocken ist dies für das ausgehende 19. Jahrhundert ein sehr beachtliches Ensemble, vor allem wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit über dreiviertel der Türme auf Eichstätter Diözesangebiet mit zwei, maximal drei Glocken bestückt waren.

Auch in den Meldebögen des Jahres 1941 sind fünf Glocken beschrieben: Ein 1696 durch den Neuburger Gießer Johann Schelchshorn gefertigtes Exemplar mit ungefähr 1.300 mm Schärfendurchmesser und ca. 1.100 kg Gewicht, zwei im 14. Jahrhundert gegossene Instrumente unbekannter Meister mit etwa 940 mm, bzw. 470 mm Schärfendurchmesser und einem vermutlichen Gewicht von 450 kg, bzw. 58 kg, eine Glocke des Eichstätter Gießers Matthias Stapf mit etwa 700 mm Schärfendurchmesser und 210 kg Gewicht, sowie ein 1754 gegossenes Glöckchen des Nürnberger Gießers Christian Victor Herold.
Für die Stapf-Glocke ist als Gußjahr das Jahr 1722 angegeben; da Stapf aber erst 1727 geboren worden, und erst ab 1760 - nach dem Tode seines Stiefvaters Matthias Perner - selbstständig als Glockengießer tätig gewesen ist, dürfte diese Angabe auf einem Lesefehler beruhen. Als Gußjahr wahrscheinlicher ist das Jahr 1792: die Ziffern "2" und "9" sind in Stapfs Ziffernsatz relativ ähnlich, und werden daher des Öfteren verwechselt.

Die Angaben in den 1941er Meldebögen lassen einerseits darauf schließen, dass während des ersten Weltkriegs vermutlich keine Glocke dieses Ensembles abgeliefert werden musste, anderseits aber auch darauf, dass die Angaben von 1875 zwar die korrekte Anzahl der Glocken wiedergegeben, in Bezug auf die aufgezählten Gießer aber wohl fehlerhaft sind.

Trotz des bis zu diesem Zeitpunkt geschlossen erhalten gebliebenen historischen Glockenbestands wurden von den Machthabern des Dritten Reichs nun aber mit Ausnahme der Kessler-Glocke alle anderen Glocken beschlagnahmt, und damit 80 Prozent dieses bedeutenden Ensembles zur Zerstörung freigegeben. Wie durch ein Wunder haben ersteinmal alle vier Glocken den Krieg überlebt; sie konnten auch anhand der eingestanzten / mit Farbe aufgemalten Ablieferungs-Nummern zweifelsfrei rückgeführt werden. Mit Schreiben vom 29. Juli 1947 meldete der damalige Gredinger Stadtpfarrer allerdings, dass zwar alle Glocken der Gredinger Martinskirche wieder vereint wären, die Stapf-Glocke jedoch sei gesprungen und wohl nicht mehr brauchbar.

Anfragen bei den Glockengießereien Lotter und Hamm, ob diese die beschädigte Glocke schweißen könnten, wurden negativ beschieden. Auch das Glockenschweißwerk Lachenmeyer scheint aufgrund der beschriebenen Schwere des Schadens von einer Restaurierung eher Abstand nehmen zu wollen. Dem weiteren Schriftverkehr zwischen Pfarramt, Landesamt für Denkmalpflege und Bischöflichem Ordinariat nach zu urteilen, scheint sich daraufhin ein örtlicher Schlosser an der Schweißung dieser Glocke versucht zu haben. Das Ergebnis war allerdings eine nunmehr völlig zerstörte Glocke, so dass diese von den Behörden schließlich zum Umguss freigegeben worden ist.

1950 erhielt schließlich der Erdinger Glockengießer Karl Czudnochowsky den Auftrag, die schwer geschädigte Stapf-Glocke umzugießen. Abgesehen von dem Verlust dieser Glocke, der Elektrifizierung des Glockenantriebs im Jahr 1956, sowie dem Austausch der Klöppel, der Umarbeitung einzelner Joche, sowie dem Austausch von Beschlägen hat sich damit in Greding der komplette Glockenbestand erhalten, wie er mit großer Wahrscheinlichkeit seit 1754 auf dem Turm anzufinden gewesen ist.

Sanierung der Glockenanlage

Erfolgreich zum Abschluss gebracht wurde 2017 eine behutsame Sanierung dieser überaus wertvollen Glockenanlage.

Ziel dieser Sanierung war zum einen der möglichst weitgehende Erhalt historischer, bzw. gewachsener Substanz, zum anderen aber ein maximal erreichbare Schonung der läutenden Glocken bei gleichzeitig guter Klangerregung. Zum Einsatz kam daher wesentliches, aus dem Europäischen Forschungsprojekt ProBell® gewonnenes Knowhow. Dieses Forschungsprojekt mündete nahtlos in die Gründung des Europäischen Kompetenzzentrums für Glocken ProBell®, das an der Hochschule Kempten angesiedelt ist. Das dort inzwischen erarbeitete und angesammelte Wissen findet mittlerweile immer häufiger auch eine zielgerichtete Anwendung auf den unterschiedlichen Glockentürmen, im Fall Greding speziell durch Betreiben von Thomas Winkelbauer, dem Glockensachverständigen der Diözese Eichstätt, sowie durch das große Engagement der Regensburger Glockenfachfirma Turmuhren Rauscher.

Das Ergebnis der Sanierung kann sich sowohl sehen als auch hören lassen: Erhalten geblieben, bzw. ertüchtigt worden sind beispielsweise große Teile der vorhandenen Jochkonstruktionen, die Positionierung des Sterbeglöckleins in der Fensterlaibung, die unverkleideten Schallfenster, sowie der historische Glockenstuhl mit seinen Anbauteilen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ausgetauscht und mit seitens ProBell entwickelter Methoden optimiert wurden dagegen sämtliche Klöppel, so dass künftig ein für die Glocken weitgehend schonender Klöppelanschlag erfolgt. Die neuen Klöppel haben auch klanglich zu einer Verbesserung der Anlage geführt; so klingen die Glocken jetzt wesentlich grundtöniger und damit weicher, als die vergangenen Jahrzehnte vor dieser Sanierung.

Bruderschaftsglocke

Laut Franz Xaver Buchner ist diese Glocke der Umguss einer bis dahin schon existierenden Glocke (Das Bistum Eichstätt. Historisch-statistische Beschreibung ..., Band I, S. 396). Ob das Vorgängerinstrument Schaden genommen hatte, oder man vielleicht eine größere, tontiefere oder klangschönere Glocke erwerben wollte, ist dieser Sekundär-Quelle leider nicht zu entnehmen.
Überliefert ist bedauerlicherweise auch nicht, warum diese klangschöne und charaktervolle Glocke den Namen "Bruderschaftsglocke" trägt. Die Finanzierung des Umgusses erfolgte laut Buchner jedenfalls nicht aus Mitteln einer Bruderschaft, sondern wurde zu 2/3 von der Stadt, sowie zu 1/3 vom "Gerenralheiling" übernommen.

Schlagton: es'
Material: Bronze

Gießer: Johann Schelchshorn, Neuburg
Gußjahr:
1696

Durchmesser: 1.268 mm
Gewicht: 1.209 kg

Inschrift:
auf der Schulter:
AVS DEM FEVER BIN ICH GEFLOSSEN IOHANN SCHELCHS HORN IN NEVBVRG HAT MICH GOSSEN 1696

Hermann-Kessler-Glocke

Diese Glocke ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Werk des Nürnberger Gießers Hermann Kessler (I), der auch "Meister der Feuerglocke von St. Lorenz" genannt wird.
Die Glockendatenbank der Diözese Eichstätt zählt mittlerweile 10 Exemplare dieses bedeutenden Gießers. Die Zuordnung erfolgt in der Regel über einen Vergleich der verwendeten Schriftzeichen. Weitere Merkmale sind das aus sehr flachen Linien gebildete Rautenmuster, das sich jeweils über die komplette Flanke der Glocken zieht, sowie ebenfalls aus feinsten Linien gebildete Sterne, bzw. Lilien im Bereich des Schlagrings.

Schlagton: b'
Material: Bronze

Gießer: unbezeichnet, evtl. Kessler Hermann (I), Nürnberg
Gußjahr:
erste Hälfte des 14. Jahrhundert

Durchmesser: 930 - 933 mm
Gewicht: 472 kg

Inschrift:
auf der Schulter:
(Tatzen-/Bolnissikreuz)
AVE (scheibenförmiger Punkt) MARIA (scheibenförmiger Punkt) GRACIA (scheibenförmiger Punkt) PLENA (scheibenförmiger Punkt) DOMINVS (scheibenförmiger Punkt) TECVM

Vesperglocke

Die Czudnochowsky-Glocke ersetzt seit 1950 eine 1792 gefertigte Glocke des Eichstätter Gießers Matthias Stapf.
Dieses Vorgängerinstrument wurde 1947/1948 bei einem laienhaften Reparaturversuch so stark geschädigt, dass es von den Behörden zum Umguss freigegeben worden ist. Diese Stapf-Glocke hatte wahrscheinlich den Schlagton d'', einen Schärfendurchmesser von ungefähr 720 mm, sowie ein Gewicht von etwa 210 kg.

Schlagton: c''
Material: Bronze

Gießer:Karl Czudnochowsky, Erding
Gußjahr:
1950

Durchmesser: 720 mm
Gewicht: 213 kg

Inschrift:
auf der Vorderseite der Flanke:
AVE MARIA
auf der Rückseite der Flanke:
GEGOSSEN VON
KARL CZUDNOCHOWSKY, ERDING
1950

Kindsleichglocke

Der Name "Kindsleichglocke" stammt aus den Zeiten, in denen Glocken vorwiegend als Einzelglocken eingesetzt worden sind. Aufgrund der schlichten Form und dem Fehlen fast jeglicher Verzierung kann dieses Instrument keinem Gießer / keiner Gießschule zugeordnet werden. Auch die zeitliche Einordnung bleibt wegen der fehlenden eindeutigen Charakteristika eher vage.

Schlagton: c'''
Material: Bronze

Gießer: unbezeichnet
Gußjahr:
um 1300

Durchmesser: 475 mm
Gewicht: 82 kg

Inschrift:
inschriftlose Glocke

Sterbeglocke

Die Schutzengelglocke bildet seit 1948 die Klangkrone des Buxheimer Glockenensembles.

Schlagton: d'''
Material: Bronze

Gießer: Christian Victor Herold, Nürnberg
Gußjahr:
1754

Durchmesser: 372 mm
Gewicht: ca. 40 kg

Inschrift:
auf der Schulter:
(Rosette)
GOSS MICH CHRISTIAN VICTOR HEROLD NURNBERG 1754
auf der Flanke:
MARIA MAGDALENA BEYRIN,
GESTIFTET



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