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31.12.2006

„Die Zukunft Gottes ins Gespräch bringen“ - Bischof Hanke plädiert in Silvesteransprache für realistischen Dialog mit dem Islam

Eichstätt, 31.12.2006. (pde) – Vor einem Lebensgefühl, das sich vornehmlich auf das Hier und Heute konzentriert, hat der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke in seiner Predigt zum Jahresschluss gewarnt. Viele Entscheidungen in Politik und Wirtschaft, aber auch Berufs- und Lebensentscheidungen seien nicht mehr auf Zukunft angelegt und führten deshalb zur Verunsicherung. Das neue Lebensgefühl betreffe auch Ehe und Familie, die unter der nachlassenden Bindungsbereitschaft litten. Beim Gottesdienst am Silvesterabend im Eichstätter Dom forderte der Bischof die Christen auf, „die Zukunft Gottes ins Gespräch zu bringen“. Dieser Blick auf die Zukunft mache wachsam für die Geschehnisse der Gegenwart und befreie von Feigheit: „Wir dürfen es wagen, Unrecht zu benennen und Hoffnung zu verkünden“.

In seinem Jahresrückblick verwies Bischof Gregor Maria Hanke auf den diözesanen Weltjugendtag in Plankstetten als Nachfeier des Kölner Weltjugendtages. Dieser Tag, an dem in der Woche nach Ostern weit über tausend junge Menschen betend, singend und miteinander feiernd teilnahmen, habe ein Zeugnis der Hoffnung gegeben und gezeigt: „Viele Jugendliche sind nicht zufrieden mit einem Leben aus dem Augenblick. Sie sind auf der Suche und ansprechbar für die Zukunft, die der Glaube an Jesus Christus verheißt.“ Eine „Ermunterung auf dem Weg der Kirche in die Zukunft“ sei der Besuch von Papst Benedikt im September dieses Jahres gewesen. Gerade auch das rege Interesse der Medien an der Papstreise habe gezeigt: Es gibt einen „Hunger nach Zukunft, der nur gestillt werden kann von Menschen und Worten, die selbst aus der Kraft dieser Zukunft leben“.

Die Zukunft Gottes breche dort an, „wo geliebt wird mit der Kraft der Liebe Gottes“, so Bischof Hanke. Das gelte für die Eltern, die Ja sagen zu einem Kind. Das treffe für alle zu, „die in großer Geduld Menschen auf dem Weg der Sinnfindung und des Glaubens begleiten“. Das gelte für das gealterte Ehepaar, das sich in den Kreuzen und Leiden des Alltags gegenseitig stützt und erträgt, ebenso wie für Ehepartner, die tagtäglich ihre Grenzen erfahren und dennoch beim Ja zueinander bleiben. „Wo immer wir im zurückliegenden Jahr 2006 aus der Kraft der Liebe Gottes lebten, da ist bereits die Zukunft angebrochen, die Zukunft Gottes“.

Religiöses Vakuum in der westlichen Welt

In seiner Silvesterpredigt trat der Bischof von Eichstätt für mehr Realismus im unerlässlichen Dialog mit dem Islam ein. Dazu gehöre auch, den Islam differenziert und nicht nur vom augenblicklich virulent erscheinenden Phänomen des Fundamentalismus her wahrzunehmen. Zugleich müsse man zur Kenntnis nehmen, dass fundamentalistische Kreise des Islam dem Westen mit Verachtung begegnen. Für sie seien westliche Gesellschaften zumindest ein religiöses Vakuum, in dem der Gottesglaube verdunstet und einem materialistischen Wohlstandsglauben gewichen sei. Wie sollte man jedoch von ihnen – so sei zu fragen – „Respekt vor unserer Kultur und Geschichte erwarten dürfen, wenn wir uns in Europa und Nordamerika selbst von den religiösen Wurzeln unserer Kultur verabschieden, wenn unsere christliche Identität verschwimmt“? So hätten sich die Christen damit abgefunden, dass man den christlichen Glauben öffentlich diffamieren dürfe. Man empfinde es mittlerweile als Ausdruck der Trennung von Religion und Staat, wenn Kreuze in öffentlichen Räumen abgehängt werden. Die Unantastbarkeit des vorgeburtlichen, des alten und schwer kranken Lebens sei ausgehöhlt, der Mensch verliere mehr und mehr seine Würde und werde zum Humankapital erklärt.

Im Umgang mit der islamischen Welt dürfe man nicht der Versuchung erliegen, „unser von der Aufklärung geprägtes Denken und unsere Vorstellung von Toleranz in den Islam hinein zu projizieren und damit ein Stück seiner Wirklichkeit nicht wahrzunehmen“. Während man in der westlichen Welt nach den Regeln der Toleranz zu verfahren suche, etwa bei der Genehmigung von Gebetshäusern und Moscheebauten, sei es in islamischen Ländern wie Saudi-Arabien hingegen Christen nicht oder fast nicht möglich, ihren Glauben außerhalb der intimsten Privatsphäre zu praktizieren. „All diese für uns Christen und für das westliche Toleranzempfinden traurigen Fakten dürfen unsererseits jedoch nicht Anlass zu einer feindseligen Haltung gegenüber dem Islam werden“, betonte Bischof Hanke. Die Sache des Glaubens, die Sache Gottes könne sich nicht auf Hass und Feindschaft gründen. „Besonders unseren muslimischen Mitbürgern Tür an Tür schulden wir Respekt, zumal wenn sie dem, was uns heilig und wertvoll ist, Achtung entgegenbringen und ihr Leben in Frieden gestalten.“

Verfehlte Irakpolitik

Kritik übte Bischof Hanke an der gegenwärtigen Politik des Westens: Kein arabischer Staat im vorderen und mittleren Osten könne an den Maßstäben der westlichen Demokratie gemessen werden. Das Ergebnis der militärischen Disziplinierung des Iraks zeige, wie realitätsfern ein solcher Bewertungsmaßstab sei, wie demütigend er von der arabischen Welt empfunden werde und welches politische Vakuum daraus entsteht, „das niemand mehr in Griff bekommt und das Tag für Tag unschuldiges Blut fordert“. Verheerend für alle Friedensbemühungen in der Region des mittleren Ostens und für den Dialog mit dem Islam wäre es, wenn die politisch-moralische Klassifizierung eines arabischen Landes von dessen Bereitschaft abhinge, sich in politische und ökonomische Interessen der amerikanischen oder europäischen Politik einbinden zu lassen.