Predigt von Erzbischof em. Dr. Karl Braun beim Walburgisfest, Eichstätt, Abteikirche St. Walburga 25. Februar 2010

Die Heilige mit dem mütterlichen Herzen

Zu den klugen Jungfrauen, von denen wir eben im Evangelium (Mt 25,1-13) gehört haben, zählt auch jene große Frau, zu deren Fest wir in ihre Grabeskirche gekommen sind: St. Walburga. Von dieser jungfräulichen Bistumspatronin sagt das Tagesgebet, Gott habe ihr „ein mütterliches Herz“ gegeben. An ihr bewahrheitete sich das biblische Wort: „Die Kinderlose wird Mutter von vielen“ (Ps 113,9). Der nächtliche Gang Walburgas zu einem todkranken Kind mag nur ein Zeugnis sein von ihrem uneigennützigen Sorgen für alles Kleine, Schwache und Hilfsbedürftige, ein Zeichen ihres Verständnisses für das Leid und die Leidenden, ein Beispiel ihrer einfühlsamen Zuwendung zum Nächsten mit den Augen einer Mutter.

„Mutter“ – wieviel rührt dieses Wort in uns an, wieviel Kostbares bricht damit in uns auf. „Mutter“ – tief drinnen im Herzen bleibt dieses Wort, solange unser Herz schlägt. Wie die Sonne, das Brot und die Freude, auf die wir nicht verzichten können, ist die „Mutter“. Alle Not ruft letztlich nach der Mutter. Die zunehmende Anonymität – die Namenlosigkeit und Vermassung-, der Mangel an Wärme und Geborgenheit, das kühle Zweckdenken, eine distanzierende Herzenskälte im Umgang miteinander und eine erschreckende gesellschaftliche Verrohung gerade auch hinsichtlich der Einstellung zum Wert des menschlichen Lebens fordern eine „Zivilisation der Liebe“, wenn wir nicht im Streit und Kampf aller gegen alle enden wollen.

Und hier ist insbesondere die Mutter, die Mütterlichkeit auf den Plan gerufen: Die Mütterlichkeit, deren erste Sorge dem Leben anderer gilt, der es darum geht, Leben zu ermöglichen, zu hegen und zu pflegen, zu bewahren und zu fördern. Die Frau hat von Gott die Gabe der Mütterlichkeit erhalten: Feinfühligkeit und Hingabefähigkeit, sorgende Liebe für das, was noch im Keimen und Wachsen ist, die Fähigkeit, Wärme, Geborgenheit und Angenommensein zu vermitteln. Mütterlichkeit zeigt sich am deutlichsten in der leiblichen Mutterschaft, aber sie erschöpft sich nicht darin, sie ist nicht darauf beschränkt. Alle Frauen sind berufen, auf irgendeine Weise „Mutter“ zu sein. Sie sind mehr denn je gerufen, ihre ureigensten Fähigkeiten zum Wohl der anderen einzubringen – ich nenne es Dienst am Leben im weitesten Sinn.

Doch zeichne ich da nicht ein überholtes, ja diskriminierendes Rollenmuster der Frau? Sollen sich nicht Frau und Mann immer mehr angleichen, neutralisieren, sich von ihrer Geschlechtsrolle verabschieden? Vor wenigen Jahrzehnten war die Rede von einer „vaterlosen Gesellschaft“. Heute gehen wir einer mutterlosen Gesellschaft entgegen. Einflussreiche Kräfte in Politik, Medien und Gesellschaft arbeiten unter dem Schleier angeblich menschenfreundlicher Toleranz weithin unbemerkt, aber durch geschickte Lobbyarbeit und weltweite Vernetzung mit Erfolg daran, diese „mutterlose Gesellschaft“ durchzusetzen – mit verheerenden Folgen: Ärzte, Psychologen, Richter, Sozialpädagogen, Geistliche könnten darüber stundenlang erschütternde Berichte geben. In unserer auf Leistung und Erfolg getrimmten Welt haben die Mütter einen schweren Stand. „Bis in den Grund“, sagte mir eine Ärztin, würden sich Frauen oft schämen, wenn sie nach dem Beruf gefragt, fast entschuldigend angeben: „Ich bin nur Mutter …“.Verlust der Mütterlichkeit ist Verlust der Menschlichkeit.

Aber die Mütterlichkeit wird heute von vielen Seiten vehement in Frage gestellt. Gerade auch von einer Bewegung, für die es keine absoluten, unumstößlichen Wahrheiten, keine allgemein gültigen und verbindlichen Werte gibt, von einer Bewegung also, die im Schlepptau des Relativismus steht, von einer Bewegung, die unterschwellig bereits viele Gesellschaftsbereiche durchdringt und den Charakter eines Gesinnungsterrors annimmt. Es ist die Gender-Ideologie. Sie sagt, alles, was bisher in der Geschlechterordnung gegolten hat, ist nur konstruiert, um die Frau zu unterdrücken. Die Ehe - heilige Ordnung des Menschseins, naturgegebene und ideale Voraussetzung zur Gründung einer Familie - muß geschleift und durch andere Formen des Zusammenlebens ersetzt werden. Der Unterschied Mann-Frau soll der Vergangenheit angehören. Das bedeutet: Was seit Anbeginn der Menschheit als „natürlich“ und „normal“ gegolten hat, soll nun durch Umerziehung geändert werden. Alle möglichen, auch der Schöpfungsordnung widersprechenden Lebensformen sind zu rechtfertigen – und deshalb auch eine familienrechtliche Aufwertung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Doch die Bibel sagt uns klipp und klar über den Menschen: „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Mutterschaft und Vaterschaft sind nicht dasselbe, Männlichkeit und Weiblichkeit können nicht wie ein Kleid nach Belieben gewechselt werden.

An dieser Wahrheit halten wir fest – zum Besten unserer Welt und kommender Generationen. Deshalb wissen wir uns dem Aufruf des Apostels Paulus verpflichtet: „Gleicht euch nicht dieser Welt an …“ (Röm 12,2). Wir brauchen den Mut zu einem christlichen Leben trotz zunehmenden Widerstands seitens der Gesellschaft, wir brauchen den Mut zu einer christlichen Alternativkultur. Wir brauchen den Mut zu einer klaren Haltung in wesentlichen Lebensfragen. Eine christliche Kulturrevolution wäre das Gebot der Stunde.

Liebe Frauen, es geht nicht darum, das Leitbild vom „Heimchen am Herd“ aufzuwärmen oder mit den drei „K“ – Kinder, Küche, Kirche – das Wirken der Frau auf die Familie und den Haushalt zu beschränken. Die Kirche tritt für eine angemessene Emanzipation der Frau ein, für Gleichrangigkeit, Gleichwertigkeit und vor allem für Gleichberechtigung und deshalb auch für gerechte Chancen in Bildung und Beruf. Das heißt aber nicht, Mutterschaft und Mütterlichkeit materiell und ideell zu entwerten, als minderwertig zu diskriminieren, die Tätigkeit der Frau als Mutter und Hausfrau zu „vermiesen“ oder ein Frauenmodell zu fördern, das von Arbeitsmarkt und Wirtschaft diktiert wird. Auch die Doppelaufgabe von Mutterschaft und Beruf dürfen das Muttersein, die Mütterlichkeit nicht in Frage stellen. Die Hochschätzung der Erwerbstätigkeit soll nicht zu einer Geringschätzung der Familienarbeit, der elterlichen und insbesondere der mütterlichen Erziehungsleistung führen. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, darf kein beinahe unlösbares Problem für die Mütter bleiben.

Beides scheint mir im Leben und Wirken der Frau zusammenzugehören: der verborgene Dienst und der Mut, sich zu exponieren, der Mut also, sich auch im öffentlichen Bereich tatkräftig einzubringen. Aber stets kommt es darauf an, dass jede Frau weiß, wo immer sie auch steht – als Mutter, als Hausfrau, als Berufstätige, als Alleinerziehende und als Alleinstehende: ich bin berufen, „Herz“ zu sein. Und hier bewegt sie sich ganz auf der Linie der heiligen Walburga. Sie hat das Gesetz der Mütterlichkeit erfüllt: Weiterschenken, was ich empfangen habe! Was ich zurückbehalte, werde ich verlieren.

Wenn Sie, liebe Frauen, sich leiten lassen von der Mütterlichkeit der Bistumspatronin, dann ist es zweitrangig, ob Sie in öffentlichen Aufgaben oder in der Familie, im Beruf oder in der Hausarbeit wirken. Entscheidend ist, dass dies alles von menschenliebender Zuwendung geprägt wird. Denn die Welt, die Menschheit hungert nach der Mütterlichkeit, die leiblich und geistig die Berufung der Frau ist. St. Walburga lebte diese Berufung. Sie konnte es, weil sie mit allen Fasern ihres Seins verankert war in Gott, der die Liebe ist. Er war die Quelle ihrer Mütterlichkeit. St. Walburga, der Gott ein „mütterliches Herz“ (Tagesgebet) gegeben hat, steht Ihnen, liebe Frauen, zur Seite, wenn Sie durch Ihr Leben und Wirken Gottes „Güte sichtbar machen“ (ebd.). – in echter Mütterlichkeit.