Der Vorsitzende des Förderkreises Netzwerk Leben e.V., Prof. Dr. Dr. Dr. hc Helmut Zöpfl:
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Irgend etwas scheint seit ein paar Monaten anders geworden zu sein. Ich erlebe es in mir selber, um mich herum, in vielen Gesprächen, aber auch in der Presse, im Rundfunk und Fernsehen. Es hat sich etwas getan. Aber, wer ist dieses „Es“?
Ich glaube, dass sich dahinter ganz konkret Personen erkennen lassen, die für einen neuen Aufbruch verantwortlich sind: Unser wunderbarer verstorbener Heiliger Vater Johannes Paul II und sein so großartiger Nachfolger Benedikt XVI.
Die Präsenz der letzten Monate und Wochen in den Medien und hervorragende Berichte haben nicht nur informiert, sondern auch angerührt, bewegt. Bewegt hat in erster Linie der Mensch, die Person, die durch das gelebte Beispiel wieder ins Bewusstsein rückte, was vielfach vergessen oder verdrängt schien. Zwar erklang vornehmlich in politischen Festreden immer wieder die Klage über Werteschwund, ja Wertverlust und der Ruf zur Rückbesinnung auf die „alten Werte“, aber kaum je wurde in einer der Elogen kund, um welche Werte es sich denn handle. Ja selbst der Begriff Wert wurde be- und überdacht.
So kam nun, dass wir zwar im Gegensatz zu dem Begriff Werteverlust tagtäglich von einer Vielzahl irgendwelcher Werte angerufen werden, diese aber oft gar nicht mehr als die Werte wahrgenommen wurden und werden. Jeden Morgen und bis in die späte Abendstunde erfahren wir z.B. die neuesten Aktienwerte des Dax, Dow Jones usw. (in einem Fernsehkanal laufen diese „Werte“ sogar den ganzen Tag über den Bildschirm) und bekommen den neuesten Wert des Euro bzw. Dollar mitgeteilt. Der Beliebtheitswert von Parteien, Politikern, Prominenten wird uns anhand von Kurven dargestellt und im Sportteil jeder Zeitung erfahren wir den aktuellen Ablösewert für einen Fußballspieler in Millionenhöhe. Aber auch andere „Werte“ beeinflussen unsere Zeit und unsere Gesellschaft, ohne dass sie eventuell als solche deklariert werden. Da sind die Werte der Wirtschaftlichkeit, der Effektivität und Rentabilität, die meist von der Wertschätzung der Zeitersparnis getragen werden. Alles muss so schnell wie möglich erledigt werden: Zeit ist Geld.
Damit hängt auch die Hochbewertung des Begriffs global zusammen. Und natürlich muss in der modernen Zeit der „Wert der Jugend“ ganz hoch angesiedelt sein. Da erfahren dann Begriffe wie Innovation, Reform, Progressivität eine große Aufwertung, während schon im Begriff des Konservativen eine gewisse Abwertung mitschwingt.
In einer solchen Wertewelt ist kein Raum für Innehalten, Nachdenken und Besinnung. Fast allen dieser sog. Werte ist gemeinsam, dass sie sich bei näherer Betrachtung deshalb auch sehr schnell als sinnlos und damit wertlos entlarven, weil sie keine Reflexion über ein Woher, Wohin und Warum zulassen und damit
im wahrsten Sinne des Wortes Schlagworte und nicht Werte darstellen. Am besten wird das wohl durch den schönen Spruch verdeutlicht:
„Wir wissen nicht mehr, wohin wir wollen, oder warum wir es wollen. Aber dafür sind wir nun schneller dort.“
In vielen Wertedebatten einigte man sich auf einen so faulen Kompromiss wie den der Solidarität, als wenn „Zusammenhalten“ automatisch schon etwas Wertvolles, Gutes wäre. Halten nicht auch Gangster, Verbrecher und die Maffia usw. engstens zusammen, um etwas Übles zu erreichen?
Wenn gerade in der Nachfolge des Papstes immer wieder die Frage gestellt wurde, ob er wohl konservativer sei oder progressiver oder dem Pluralismus größeren Raum zubillige, ein Reformer werde, dann muss man einmal kritisch zurückfragen, warum ein „Bewahren“ gewisser Güter für viele automatisch schlechter, ein Umordnen, Umdrehen usw. von vornherein besser sein sollte und was das „Mehr“ des Pluralen überhaupt ist, das stärker berücksichtigt werden sollte. Ist es z.B. fraglos sinnvoll, progressiv zu sein, weiter zu schreiten, wenn man an einem Abgrund steht? Zweifelsohne ist es unsinnig an etwas Schlechtem festzuhalten, aber doch wohl auch sich unbedenklich nur auf neues Übel hin vorwärts zu bewegen, weil sie eben neu sind.
Der entscheidende Fehler ist sicher, dass das, was gut oder besser ist, nicht mehr befragt wird, da man hier eventuell auf Sinnfragen eingehen müsste. Und es könnte ja einer der unbefragte größten Wert, der der „Objektivität“ und der „Wissenschaftlichkeit“ verletzt werden.
Auch das ist nämlich schon seit langer Zeit ein unbefragtes Dogma, dass die Wissenschaft wertfrei sei. Leider aber, besser gesagt, Gott sei Dank zeigt eine sorgfältige Auseinandersetzung gerade mit der modernen Naturwissenschaft, wie sehr sie von der „Betrachtung“ abhängt (siehe vor allem die Quantenforschung). Da man aber sehr häufig mit dem Wissenschaftsbegriff alles andere als wissenschaftlich umgeht, beherrscht heute der längst als unwissenschaftlich entlarvte Behaviorismus gerade weite Teile der Pädagogik und Psychologie, wonach alles berechenbar, mess-, kontrollier-, testierbar ist.
Das Lebendige, der Mensch wird mit entsprechenden Methoden als bis ins Letzte machbar angesehen. Zwar weiß die Quantentheorie, dass nicht einmal das kleinste Teilchen absolut beherrschbar ist, aber ein so kompliziertes Wesen wie der Mensch, das Kind lässt sich nach Auffassung dieser „Bildungsplaner“ anhand von ein paar Probanden bis auf weitere Zukunft vorausbestimmen.
Welch großartiges Ereignis, dass in dieser Zeit, in der die Besinnung auf das Wesentliche auf Sinn vergessen schien ein neuer Aufbruch erfolgt, der wieder beweist, dass nicht die Quantität oder die Anonyma „Zeitgeist“, „Gesellschaft“
usw. übermächtig sein müssen, sondern Person, Persönlichkeit und Vorbild wie jener berühmte Flügelschlag des Schmetterlings in der Chaostheorie wirken können, der bekanntlich einen Windhauch, dieser einen Sturm, dieser einen Orkan und dieser auch in entfernten Gebieten eine totale Klimaveränderung hervorrufen kann.
Ausgerechnet der von so vielen Medien immer wieder auf Grund des Alters und Leidens zum Rücktritt animierte Papst Johannes Paul II hat weit über die Grenzen des katholischen Christentums durch sein Leiden und Sterben den wohl stärksten Flügelschlag der Geschichte ausgelöst, die Frage. Und diese Frage hat die in der gerade geschilderten Wertewelt vielfach verdrängte Besinnung auf den Sinn angesichts von Leid und Tod angeregt. Da verloren plötzlich die Wort- und Werthüllen an Bedeutung, starre Werte brachen auf zugunsten einer Besinnung auf die existentiellen Haltungen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Kern der wunderbaren christlichen Frohbotschaft: Barmherzigkeit und Hoffnung auf ein letztes Gehaltensein in Gott wurde auch, als Johannes Paul II nicht mehr sprechen konnte, existentieller denn je verkündet.
Welches Glück, dass durch die Wahl des neuen Papstes diese Kontinuität gewahrt wird, der nicht nur ein Wortgelehrter, sondern auch ein blitzgescheiter und doch so menschlicher Nachfolger des Apostels Petrus ist. Wer beispielsweise seine Gespräche, seine Antworten im Interview über Jahre verfolgte, hat längst erkannt, welcher lebendiger wissenschaftlich wohlbegründeter Glaube gerade auch für den jungen Menschen Anlass zu einer erfüllten Sinngestaltung des Lebens werden kann. Das von Benedikt XVI. immer wieder gebrauchten Bild des kleinen Spatzen, der sich auf den Flügeln des Glaubens zu Gott aufschwingt, kann auch im Symbol für den neuen Aufbruch oder Flug aus einer Welt der Gleichgültigkeit sein, in der allenfalls noch in der Werbewelt ein Aufputschgetränk Flügel verleiht.
Man darf gespannt sein, wie gerade in einer westlichen Welt, insbesondere in Deutschland Verkrustungen aufbrechen werden. Leicht wird es nicht werden, aber es zeigen sich Hoffnungsschimmer, wenn gerade von einer Seite, von der man es nicht so sehr erwartet, Kritik am Kapitalismus geübt wird und im Anschluss an die Untersuchung, dass immer weniger Deutsche den Wunsch nach Kindern verspüren jener wohl allumfassende Wert des Lebens herausgestellt wird. In der Tat sollte über allen berechtigten politischen Überlegungen in wirtschaftlichen und finanziellen Bereichen nicht der konkrete Mensch, vor allem das Kind reduziert werden auf den „Konsumenten“, „Lernenden“, „Rentensicherer“ usw. Wo das Wunder Leben, die Freude daran, dazu auch die Verantwortung für eigenes und fremdes Leben (auch der Tiere, ja der ganzen Schöpfung) nicht mehr erfasst wird, wird alles sinn- und wertlos.
So ist zu hoffen, dass mit Hilfe des Heiligen Geistes, der gerade in der letzten Zeit besonders deutlich zu „wehen“ scheint, ein Wort, das mir als Pädagogen tausendmal lieber ist als das der Motivation (gleich ob extrinsisch oder intrinsisch) wieder an Bedeutung gewinnt, das sich leider in keinem pädagogischen Lexikon findet: die Begeisterung.
Jeder kann etwas dazu beitragen, dass die entfachten Funken nicht erlöschen, dass sie ein Feuer der Freude und Liebe entzünden und wie jener besagte Flügelschlag einen Sturm des Guten auslösen.
Wenn, wie die Naturwissenschaft heute weiß, der Flügelschlag eines kleinen Schmetterlings einen Lufthauch verursachen kann, der einen Wind, dieser einen Sturm und der wieder einen Orkan auslösen kann. Wenn dieser Flügelschlag einen Klimasturz bedingen kann, der zu einer absoluten Unordnung führt ...
... vielleicht könnte dann auch ein kleines gutes Wort, ein freundliches Lächeln wie ein solcher Flügelschlag wirken. Vielleicht könnte es zunächst eine kleine Bewegung erzeugen, die eine Welle der Fröhlichkeit entstehen lässt, welche wiederum zu einem ungebändigten Strom anschwillt. Und dieser Strom könnte vielleicht die eingefahrenen Bahnen der Gleichgültigkeit sprengen und die Welt in die „Unordnung“ der Liebe versetzen.
Vielleicht, vielleicht auch nicht...
Aber es kostet nichts, es zumindest zu versuchen, mit Lächeln zu beflügeln. Ich versuch es gleich bei dir .
Kein Mensch muss mehr hungern,
für alle gibt´s Brot.
Nicht Armut, nicht Angst,
kein Schmerz, keine Not.
Flieg, flieg, Schmetterling Hoffnung,
über Wolken und Zeit.
Flieg ins Land der Verheißung,
das Land ohne Leid
Die Traurigkeit lebt
als Erinnerung nur.
Überall ist nur Leben,
von Tod keine Spur.
Nicht Unruh, nicht Hast
in dem Land weit und breit.
Das Glück schaut auf d´Uhr nicht
und alles hat Zeit.
Jedes Sehnen wird wahr,
es erfüllt sich Vertraun
und Gott ist so nah
zum Fühlen und Schaun.
Flieg, flieg, Schmetterling, Hoffnung,
über Wolken und Zeit.
Flieg ins Land der Verheißung,
das Land ohne Leid.
Prof. Dr. Dr. Dr. hc Helmut Zöpfl
München, den 11. Mai 2005