Netzwerk Leben

Der Vorsitzende des Förderkreises Netzwerk Leben e.V., Prof. Dr. Dr. Dr. hc Helmut Zöpfl:

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 Erziehung zur Verantwortung

 1. Zeitsituation

Wer die Themen hört, mit der sich die gegenwärtige Bildungspolitik vornehmlich betrachtet und die auch beispielsweise in der Lehrerbildung im Vordergrund stehen, hat oft den Eindruck, es gehe in erster Linie vor allem um eine Steigerung der Lernleistung, Begabungsförderung. Bildung wird – ohne dass dieser Begriff jemals auch nur annähernd definiert wird – geradezu selbstverständlich mit dem der Ausbildung oder einem Wissenserwerb gleichgesetzt. Besonders eine von der Pisa-Studie ausgelöste Hysterie, die zu einem permanenten Ländervergleich und zu allen möglichen anderen wie (Iglu oder OECD-) Studien führt, scheint das Herzstück jeder Pädagogik zu sein. Bereits im Kindergarten führt das Bestreben der Hochbegabtenförderung eine große Rolle. Das „Möglichst früh, möglichst schnell“ führt dazu, dass Eltern kurz nach der Geburt – womöglich schon davor – einen IQ-Test für das Kind zur Feststellung seiner Hochbegabung anstreben, damit dieses ja keine Sekunde zur Nutzung der Bildungschance versäumt. Frühzeitigste Einschulung, Überspringung der Klassen und spezifische Hochbegabten-„Förderung“ in Eliteklassen mit dem Lieblingswunsch „Mein Kind darf schon mit 17 Jahren in die Uni“ bewegen immer mehr Eltern. Da ist es kein Wunder, wenn Unwörter wie Kinderuniversität eine immer größere Bedeutung gewinnen, als ob es für die Zeit vor der Schule keine andere Möglichkeit für interessierte Kleinkinder, besser ehrgeizigen Eltern gäbe, als – bei der so oft beklagten Hörsaal- und Personalnot an der Universität – durch in der Regel nicht unbedingt in der Elementarpädagogik geschulte Dozenten/ Dozentinnen, dem Kind bereits ein „höheres Wissen“ mitzuteilen. Nicht zuletzt scheint mir ein großes Manko im Bildungsbereich, dass existentielle Fragen nach dem Wesen von Bildung und Wissen kaum gestellt werden und jener schöne Spruch: „Wir wissen nicht mehr, wohin wir wollen, dafür versuchen wir immer früher anzukommen“ zunehmend praktiziert wird. Unwillkürlich fühlt man sich da auch an Ciceros Feststellung erinnert, wonach die besten Winde dem Schiff nichts helfen, wenn der Steuermann nicht weiß, wohin er steuern will. Obwohl die Begriffe „Wissenschaft“ und „wissenschaftlich“ häufiger denn je auftauchen, gebricht es meines Erachtens immer mehr an der wissenschaftlichen Redlichkeit, sich Rechenschaft über die jeweiligen Begriffe abzulegen. Ein besonderes Beispiel ist der der Intelligenz. Diese ist alles andere als eindeutig bestimmt, fragwürdig ist auch die übliche Form, den sog. IQ zu testen bzw. zu messen. Es erscheint bemerkenswert, dass Kind und Jugendlicher heute immer mehr nur noch als „Lernende“ gesehen werden. Auf der anderen Seite begegnen uns aber im Zusammenhang mit Kindheit und Jugend beim genauen Verfolgen der einschlägigen Meldung immer mehr Probleme, die weniger mit dem Lernen zu tun haben.

Hier nur eine kleine Auswahl:

Immer wieder erschrecken medizinische Feststellungen über die krankhafte fast epidemische Zunahme einer krankhaften Fettleibigkeit, von der bereits 10 bis 20 Prozent betroffen sind, von der Zunahme der Ritalin-Medikation auf 300 % in wenigen Jahren, von einer Steigerung von Depressionen auf 2,5% bei Kindern und 8,3% bei Jugendlichen usw. Es zeigt sich eindeutig, dass diese Probleme nicht gesondert gesehen werden können und die Gesamtperson des Heranwachsenden betreffen. Die Pädagogik hat es sich in den letzten Jahrzehnten viel zu einfach gemacht, indem sie aufbauend auf einer meist einseitigen behavioristischen Lernpsychologie den Menschen etwa in seine „Grundbestandteile“ kognitiv, affektiv, psychomotorisch aufteilt. Davon abgesehen, dass auch diese Begriffe alles andere als eindeutig sind, verschwindet der Mensch immer mehr aus dem Blickfeld. Und das, wenn auch für manche naiv klingende „Gesund an Leib und Seele“ als pädagogisches Ideal wird allenfalls zum Nebenprodukt vor der wie auch immer verstandenen Kognitisierung. Tatsache ist aber auch, dass im Angebinde an diese Verengung des didaktischen Interesse die dem Begriff kognitiv zugrunde liegende Erfahrung (als Grundlage einer Erkenntnis), die zu dem für den Lernerwerb so notwendigen Begriff führt, verkürzt bzw. vernachlässigt wird. So hat eine vom Lehrstuhl für Schulpädagogik in Zusammenarbeit mit dem ISB erstellte Studie einen erschreckenden Verlust an einer mehrdimensionalen Erfahrung und Erfassung der Wirklichkeit durch Kinder in den letzten Jahren gezeigt. Es besteht kein Zweifel, dass sich die Erlebniswelt von Kind und Jugendlichem in den letzten Jahren gerade in Hinblick auf die Begegnung mit Sekundär- vor den Primärerfahrungen stark verändert hat. Es besteht auch kein Zweifel, dass man nicht einfach alles mit einer Medienschelte bewenden lassen kann. Wenn aber in vielen bildungspolitischen Bestrebungen der Wissenserwerb durch Computer und Lernprogramme zunehmend als Primärziel verstanden und Begriffe wie Erleben, Erfassen, Erfahren mit allen Sinnen an den Rand treten, muss man sich nicht wundern, dass beispielsweise eine verfrühte Abstraktion (z.B. zu frühes Lesen ohne lebendige Begriffserfahrung) auch zu Defiziten in jenem kognitiven Bereich führen, dass beispielsweise eine Verflachung (im wahrsten Sinne des Wortes), eine Oberflächlichkeit durch mangelnde Durchdringung, Vertiefung usw. gegeben ist und trotz vermeintlich intensiver Lernförderung ein immer größeres Vergessen des Gelernten festgestellt werden muss. Die Liste der Defizite der Bildungspolitik, die sich z. B. in einer oft am Kind, am Jugendlichen vorbeigehenden Lehrplanentwicklung und sog. Schulreform niederschlägt, ließe sich erweitern. Man fragt sich u. a., wo die etwa in den bayerischen Grundschullehrplänen in der Präambel stehende Forderung „Das Kind hat ein Recht auf sein Kindseindürfen“ geblieben ist. Wann Hartmut von Hentig schon vor Jahren feststellte, dass die Lebensprobleme unserer Kinder und Jugendlichen weit größer als ihre Lernprobleme sind, sollte man angesichts einiger der angeführten Fakten zunächst einmal zugunsten unserer Kinder und Jugendlichen vieles wieder neu überdenken. Daneben muss aber entsprechend der Feststellungen vor allem der Medizin erkannt werden: Die vielfältigen gesundheitlichen Probleme werden derart ausufern und sich potenzieren, sodass das Gesundheitswesen zusammenbrechen wird. Stellvertretend auch für die Ausweitung der Probleme auf die z. Zt. wieder einmal so brisante Gewaltdiskussion sei ein Zitat des Göttinger Neurobiologen und Mediziners Gerald Hüther (Spiegel 11/2002) genannt: „Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der die Bedürfnisbefriedigung der Erwachsenen ziemlich gut funktioniert, den Kindern aber nicht mehr gerecht wird. Wenn wir das nicht schleunigst ändern werden Gewalt und Manipulationsfähigkeit zunehmen“.

Fassen wir zusammen, so stellen wir fest, dass sich die Situation unserer Kinder und Jugendlichen gerade in den letzten Jahren stark verändert hat. Veränderung bedeutet nun nicht unbedingt eine Verschlechterung. Neue Probleme können auch Herausforderungen sein. Entscheidend wird sein, dass sich die Pädagogik Gedanken über die veränderte Situation macht. Vielfach hat man den Eindruck, als gäbe es eine Art zeitlos gültige pädagogisch-didaktische Konzepte, die man einfach beliebig verwirklichen könne. So ist es wichtig, dass man sich differenziert mit den Entwicklungen und Gegebenheiten auseinandersetzt, gleichzeitig aber stets auch die Frage nach dem Menschen, der Wesensgemäßheit und Seinsgerechtigkeit stellt.

Sonst müssen wir befürchten, dass der Konkurrenzkampf, dass der teilweise in der Disziplin IQ-Wettlauf bereits im Kindergarten beginnt, die vermeintliche Zeitersparnis, wenn man Fragen der Kinder negiert und ihnen nur Multiple-Choice-Antworten gibt, das ängstliche Vermeiden jeder Eigenerprobung und jeden Abenteuers, das Abbauen diverser Grenzerfahrung zu einer kaum mehr zu behebenden Bildungskatastrophe führt. Es wäre höchste Zeit, dass man sich ganz einfach dem gesunden Menschenverstand und dem Herzen folgend auch wieder mit Themen befasst, die da heißen könnten: Freundschaft, Freude (nicht unbedingt Spaß!), Kindseindürfen, Kreativität, Musik, Sport und Spiel, Fragen usw.

Vielleicht sollte man den damaligen bayerischen Lehrplänen zugrunde liegenden Gedanken, dass Erziehung der Unterricht und Lernen übergreifende Begriff ist, wieder stärker zu betonen und nicht die Methoden zu verabsolutieren. Die Frage nach dem „Wie“ ist wichtig und sinnvoll, darf aber nicht die Frage nach dem Wohin, dem Ziel verdrängen.

2) Der Verlust des Menschenbildes

Die Frage nach dem Menschen, eigentlich das Zentrale einer Wissenschaft, die sich wie die Pädagogik mit der „Menschen-Führung“ beschäftigt, ist mit der Behaviorisierung der Human- und Geisteswissenschaften nicht zuletzt auch in der Lehrerbildung total ins Abseits geraten. Lehr-, Erziehungs- und Bildungspläne zu entwickeln, die nicht von einer Besinnung auf den Menschen bestimmt sind, ist eigentlich absurd. Dem eigentlichen Motor jeder Wissenschaft, der Frage, kommt eine viel zu geringe Bedeutung zu. Es geht weniger um das Warum, Wohin, die Ausrichtung an Wert- und Sinnfragen als vielmehr um das Wie. Die Methodologie wird oft bestimmt von dem Irrtum, dass alles messbar, kontrollierbar, testierbar sei, und allem voran die Aufgabe der „Optimierung“ hat, oft im Sinne des „Immer-Früher“, „Immer-Schneller“, „Immer-Effektiver“, „Immer-Besser Objektivierbar“ verstanden. Einer grundsätzlichen Überlegung könnte die anthropologische Grundfrage Immanuel Kants dienen: Was ist der Mensch? Und zur Beantwortung dieser Frage dienen die Unterfragen: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?

Dabei geht es zunächst darum, dass wir auch den Begriff des Wissens in Frage stellen. Heute wird landläufig Wissen unbefragt mit Bildung bzw. Ausbildung gleichgesetzt und die Frage nach dem, was wichtig, wesentlich, sinnvoll ist, weitgehend ausgeklammert. Es gilt in erster Linie, Wissen immer methodisch effizient zu vermitteln und zu kontrollieren, gleichgültig, um welche Art des Wissens es sich handeln mag.

Dabei könnte eine Unterscheidung, die Max Scheler getroffen hat, zumindest zu einer gewissen Rechenschaftsablage führen. Ihm zufolge gibt es nämlich a) ein Gebrauchswissen b) ein Bildungs- und c) ein Heilswissen. Es geht hier nicht darum, eine Wertung vorzunehmen, denn das „Gebrauchswissen“ ist etwas enorm Wichtiges. Dabei muss ebenfalls wieder die Frage nach dem Wesentlichen und Wozu gestellt werden. Da geht es durchaus um eine Art Orientierung in der Welt und die Frage, welche Kenntnisse wichtig sind. Wenn Max Müller Bildung als die „grundsätzliche Orientierung des Ganzen bezeichnet, dann heißt das, Orientierungs- und Haltpunkte zu finden. Es wäre grundverkehrt, hier, wie angedeutet, nur den Begriff der Intelligenz als bestimmend anzunehmen und den IQ mit entsprechenden Tests als oberstes Ziel zu betrachten. Eine Reflexion auf die in der Geistesgeschichte bestimmende Begriffe wie Klugheit (prudentia), aber auch Schläue (calliditas), Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit (sollertia) und Weisheit (sapientia) könnte befruchtend wirken. Daneben sollte man aber auch daran denken, dass das Durchhaltevermögen, die Fähigkeit etwas zu Ende zu führen, bei der Sache zu bleiben, Geduld (patientia), Sorgfalt (diligentia) und Disziplin nicht zu kurz kommen. Es ist z. B. schon sehr problematisch, dass in der heutigen Didaktik Begriffe wie Wiederholung, Vertiefung immer weniger auftauchen. Dafür wird geradezu als Regulativ für die verschiedensten Arten des Wissensgewinns das Spaß-Prinzip in den Vordergrund gestellt und mit dem, wenn sorgfältig reflektiert, durchaus sinnvollen „Spielerischen“ sehr viel Unsinn getrieben. Wen wundert es da, wenn man bei allen Optimierungs- und Evaluationsbestreben eine erschreckende Zunahme des „Vergessens-Quotienten“ feststellt. Vielleicht sollte man, um ein neues wissenschaftlich klingendes Trendwort einzuführen vom „Oblitions-Faktor“ sprechen und ihn sogar einmal wissenschaftliche Untersuchungen widmen.

Das Bildungswissen rückt leider im Angebinde an die angesprochene Optimierungsmanie – wobei wieder einmal symptomatisch ist, dass der im Wort Optimierung steckende Begriff Optimum (das Beste) überhaupt nicht im Sinne, was nun wirklich dieses Beste sei, in die Reflexion kommt – immer mehr an den Rand. Erziehung darf nicht nur als Sozialisation in Hinblick auf das geforderte gesellschaftliche Wissen verstanden werden. Sie ist auch Enkulturation und Personalisation Der ganze Bereich des Musischen, das hier und dort allenfalls noch eine Alibifunktion hat, ist zu nennen. Es geht dabei durchaus zwar um ein Faktenwissen, aber auch um andere Dimensionen des Menschseins, die möglicherweise nicht einfach nach dem Multiple-Choice-Verfahren überprüft werden können. Wo werden heutzutage noch Begriffe berücksichtigt, die besonders mit Literatur, Kunst und Musik verbunden sind.: das „Rühren“, „Ergriffen Sein“, „Aufgehen“ vor allem aber auch die „Begeisterung“? Ist es nicht symptomatisch, dass letztere in keinem pädagogischen Lexikon aufscheint? Gelten all diese Begriffe nicht wissenschaftlich, weil sie für manche zu sentimental klingen? Warum werden immer die mit dem Gemütsmäßigem, dem Gefühl, dem Empfinden zusammenhängenden Begriffe kaum ins Kalkül gezogen? Hinweise, dass das unserer auf Coolness ausgerichtete Jugend nicht entspräche, sind sehr fragwürdig.

Das Heilswissen schließlich ist in der zweiten Kant’schen Frage mit enthalten: Was darf ich hoffen? Die zunehmende Depression, die Suchtgefahr, Suizidgefährdung aber auch Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen sprechen eine deutliche Sprache. Wo die Warum-Fragen des Kindes nicht wahrgenommen oder gar unterdrückt werden, nimmt es nicht Wunder, wenn das Interesse des jungen Menschen in zweifelhafte Kanäle fließt und das Wort Langeweile immer mehr Bedeutung gewinnt.

Werfen wir als eine Art Regulativ nochmals einen Blick auf das Eigentliche der Bildung. Es geht dabei um die Grundverhältnisse, die der Mensch gewinnen soll zur außermenschlichen Natur, zur menschlichen Gesellschaft, über Geschichte und Kultur und schließlich zum Übermenschlichen zu Gott. Gebildet wäre danach derjenige „den die Erfahrung eigen ist, wie diese Grundverhältnisse zueinander stehen, worin wurzeln, worauf es bei ihnen ankommt und wie sie die Einheit eines Lebens und einer Welt bestimmen. Ein Gebildeter ist ... ein Mensch von Welt, wie Kant sagt: Er braucht nicht ungewöhnlich viel zu wissen, muss kein Vielwisser sein. Er braucht keine ungewöhnlichen und nicht ungewöhnlich viele Fähigkeiten zu besitzen, ... ist vielmehr einer, der aus der Erfahrung des Sinnes, ..., der Grundmaßstäbe dieses Ganzen heraus weiß, worauf es ankommt ... dem Unvorhergesehenen und Überraschenden gegenüber sich richtig entscheiden wird, sich richtig einzustellen und zu benehmen weiß.“ (Max Müller, Bildung in: Kleines Lexikon der Pädagogik und Didaktik, Donauwörth 1976, S. 29 f).

Die dritte kantische Frage: „Was kann ich tun? wird in dem letzten Kapitel unter „Aktionen“ behandelt.

3) ERZIEHUNG ZUR VERANTWORTUNG

a) Verantwortung vor der Schöpfung

„Der Mensch ist das Gewissen der Natur“ (Hubert Reeves, Schmetterlinge und Galaxien, München 1994, S. 152).

In einer Zeit, in der man nur mehr einen Heiligen, den St. Pluralismus zu huldigen scheint, ist es alles andere als selbstverständlich, dass Begriffe wie Verantwortung vor der Schöpfung genannt werden. Einmal ganz ehrlich, ist es nicht von vornherein ein anderer Ausgangspunkt, ob von einer Verantwortung vor einer doch weitgehend neutralen Umwelt oder von einer Mitverantwortung des Geschöpfs Mensch vor der gesamten, insbesondere belebten Schöpfung die Rede ist? Der Begriff Schöpfung setzt für mich einige ganz deutliche Bekenntnisse voraus, auf die ich hier kurz eingehen möchte. Gerade in den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft ist deutlicher denn je geworden, dass sich weder die Entstehung der Welt, noch Evolution allein durch die vermeintlich neutral, objektiv und daher wissenschaftlich erscheinenden Faktoren Zufall und Länge der Zeit erklären lassen. Wenn z. B. Paul Davies von einem „Plan Gottes“ spricht, dann wird damit die Erkenntnis angesprochen, dass von der ersten billionstel Sekunde nach dem ominösen Urknall alles nach der für alle Zeit im All geltenden Naturgesetzen abgelaufen ist, abläuft und ablaufen wird, und dass es daher nicht genügt zu meinen, aus einem wie auch immer zustande gekommenen Ur-Teil hätte sich alles, aber auch alles entwickelt von den unendlich vielen Galaxien und ihren Sternen bis hin zu der Artenvielfalt gerade auf unseren Heimatstern Erde, der nach unseren bisherigen Erkenntnissen immer noch der einzige im ganzen Universum ist, auf dem die Sensation Leben möglich wurde. Eine solche Einsicht paart sich mit dem unglaublichen Staunen, das ja bekanntlich der Quelle allen Philosophierens aber auch wissenschaftlichen Fragens ist, und der Freude, dass uns das Leben auf diesem blauen Planeten ermöglicht wird:

Ein Stern unter Billionen, Trillionen
ist nicht gasförmig,
ist nicht Feuerball,
nicht Kälte und Steinwüste.
Ein Stern nur gibt Wasser zum Trank,
Luft zum Atmen.
Schenkt Wärme und Kühlung,
ist Lebensspender,
lässt wachsen und gedeihen,
gibt Pflanzen Boden,
lässt blühen,
schenkt Früchte,
gibt Tieren Nahrung und Wohnung,
schenkt Menschen ein Dasein.
Und das Beste:
Du und ich haben diesen Stern zu Heimat.
Heimat – Erde – guter Stern

In der modernen Naturwissenschaft finden sich einige Einsichten, die uns Kosmos, Welt, Natur in einem neuen Licht erscheinen lassen. Es gibt einen ganz klaren Paradigmenwechsel weg von der La Placeschen Vorstellung, das All gliche einem Uhrwerk, und alles ließe sich mit entsprechendem Wissen bis ins Letzte berechnen, alles wäre irgendwie machbar, aber auch reparierbar. Heute ist man abgerückt von der Vorstellung, die Natur wäre letztlich nur ein Stoff, den der Mensch mit Hilfe der Technik beliebig gestalten könne. Der moderne Naturbegriff nähert sich in verblüffender Weise dem ursprünglichen griechischen Physisbegriff. Physis ist das Ursprüngliche, Allumfassende, aber auch etwas höchst Dynamisches, ist stets „Neu in Erscheinung Treten“. Wir in unserer Physis sind nicht nur Teil, sondern Mitwirkende, auch in dem Sinn, dass unser Wirken sowohl auf das Große wirkt, aber auch wieder zurückwirkt. Da gibt es die noch vor Jahren etwas belächelte Gaia-Theorie Lovelocks, die sich aber nicht zuletzt durch die Erkenntnisse der heute so bedeutenden Chaos-Forschung immer mehr bestätigt. Unsere Erde, unser Sonnensystem, das All und jeder von uns ist ein irgendwie lebendiger Organismus, der sogar auf das Kleinste empfindlich ist. Das bekannteste Bespiel ist jener Flügelschlag eines in fernen Ländern sich bewegender Schmetterlings, der einen Wind, dieser einen Sturm, der wiederum einen Orkan auslösen kann und damit eventuell zu einer Klimaveränderung beiträgt. Die Wertschätzung des Kleinen, ja Kleinsten und die Empfindlichkeit, Sensibilität des Ganzen der Natur geben für eine Erziehung zur Verantwortung vor der Natur eine ganz andere Grundlage als da, wo sie lediglich als Gegenüber oder gar das Material betrachtet wird, wo der Mensch mit Hilfe der Technik in zunehmender Weise ihr Beherrscher wird. Hans Freyer hat im Jahr 1956 in seinem Buch „Die Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ in dem „Trend der Machbarkeit“ diese Position charakterisiert. Nun also nähern wir uns wieder der Indianer-Weisheit „wir gehören zwar zu Erde, aber sie gehört uns nicht“. Die Begriffe „machen“, „herstellen“ werden in zunehmenden Maße fragwürdig, die Begriffe des Hegens, Pflegens uns Sorgens gewinnen an Bedeutung. Vorsorge, Mitsorge lösen das Unwort Entsorgen ab. Schon vor Jahren haben mein Freund Fred Rai und ich versucht, in Gedicht und Lied, diese Einstellung zur Schöpfung Ausdruck zu verleihen:

Wenn wir nachts zum Himmel blicken
und die Sterne sehn,
wie sie leuchten, wie sie blinken,
ist das wunderschön.
Doch nur einer dieser Sterne
kann uns Heimat sein,
weil’s auf unsrer guten Erden
Leben gibt’s allein.
Schau dich um auf dieser Erde,
was sich da bewegt.
Alles ist voll bunter Farben,
unsre Erde lebt.
Brüder, Schwestern all im Leben,
aus der selben Hand
ward das Leben uns gegeben
und auch der Verstand,
dass Verantwortung wir tragen
für dies Lieben hier,
dass wir immer schützen, hegen,
pflegen Pflanze, Tier.

 

Erziehung zur Verantwortung gegenüber der Natur ist Erziehung zur Mitverantwortung. Da geht es nicht um irgendwelche abstrakte und in Grundsatzerklärungen oft so verschwommenen Werte, sondern um Werke, um Verwirklichung. Das muss auch, wie ausführlich dargestellt, an dem Begriff Erziehung deutlich werden. Erziehung bedeutet Hilfe, Schöpfung und Leben als Sinn und Wertvolles zu erfahren und für das eigenen und fremde Leben Verantwortung zu tragen. Sie ist immer ein personaler Akt, der ein bestimmtes Ziel im Auge hat. Unter Erziehung im personalen Sinn verstehen wir eine von Seiten einer anderen Person zu leistende Hilfe für den jungen Menschen, eine Weltorientierungs- und Lebenshilfe. Ziel derselben ist es, dass der andere lernt, sein Leben als etwas Sinn- und Wertvolles zu erfahren, dieses selbstverantwortlich zu gestalten und ebenso bei Bedarf dem anderes diese Hilfe zuteil werden zu lassen. Erziehung ist eine verantwortungsvolle Hilfe am anderen, ist Anleitung und Führung zum selbstständigen verantworteten Handeln. Jede Erziehung steht in einer bestimmten Zeitsituation, muss sich also mit bestimmten Gegebenheiten auseinandersetzen. Unser Medienzeitalter ist nicht zuletzt, wie aufgezeigt, durch das Überhandnehmen des Verlustes der Unmittelbarkeit und die immer größer werdende Begegnung mit der sekundären Wirklichkeit gekennzeichnet. Dazu kommt auch die Verfälschung der Wirklichkeit. Ein typisches Beispiel ist das vor allem durch die Zeichentrickfilme gelieferte Tierbild, wo Tiere immer mehr als kreischende bösartige Monster auftauchen bzw. das Bambi-Phänomen, die Verkitschung. Es ist also eine der wichtigsten Aufgaben im Sinne einer Verantwortlichkeit vor der Natur, zunächst zu einer häufige unmittelbaren Begegnung mit der unbelebten und belebten Natur hinzuführen. Verantwortlichkeit kann zunächst nicht nur im Hinblick auf das Große, Ganze, die Natur in ihrer Gesamtheit aufgestrebt werden, sie muss gerade bei Kindern, im Kleinen und im heimatlichen Bereich beginnen. Der schöne Spruch: „Klein, aber fein“, ist bekannt. Wieso heißt es aber eigentlich „aber“? Irgendwie scheint gerade heute der „Duft der großen weiten Welt“ noch interessanter zu sein. Aber was wären die großen Wunder der Welt, wenn es nicht die ungezählten Wunder im Mikrokosmos gäbe? Kann der Mensch einen Blick für das Große bekommen oder weltweite Aspekte, wenn er nicht vorher das Kleine, Überschaubare erkannt und schätzen gelernt hat. Das Sprichwort „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ könnte auch heißen „Man sieht den Baum nicht mehr vor lauter Wald“. Muss man nicht den Baum in seiner Einmaligkeit und Großartigkeit zunächst entdeckt haben, ehe man die Schönheit des Waldes und der Wälder wirklich begreift? Muss der Baum nicht in seiner Einmaligkeit lieb geworden sein, bevor man beispielsweise der – durchaus berechtigten – Sorge um die Regenwälder annimmt. Wie viele Lieder und Gedichte sprechen von dem Baum, dem Tannenbaum, dem Lindenbaum „am Brunnen vor dem Tore“ oder dem „Freund Baum“. Ich glaube, es wäre eine überhaupt sehr wirksame Methode für unser Anliegen, den Dinge und Wesen in der Natur wieder einen Namen zu geben, wie das in vielen Geschichten und Märchen der Fall ist. Gerade in unsere Zeit erleben wir immer wieder Beispiele, wie man plötzlich verantwortlich weiß, wenn es nicht nur um Bären, sondern um „Bruno“ geht. Nicht das Abschlachten von Walen stimmt nachdenklich, sondern das Schicksal des Wales z. B. „Jonas“, der sich evtl. in unsere Gewässer verirrt hat, lässt aufhorchen. Nicht die große Zahl, die Statistik zählt so sehr wie das Einzelwesen. Ich habe immer wieder erlebt, wie Kinder zunächst achtlos, manchmal sogar rücksichtslos mit Lebendigen umgehen wollten, bis wir das Einzelwesen genauer betrachtet haben und der Käfer, der beinahe zertreten worden wäre, nun genauer angeschaut wurde und beispielsweise den Namen Zipp bekam.

Für das Kleine und Bekannt werden benötigt man bekanntlich Zeit. Erinnern Sie sich an die großartige Stelle im „Kleinen Prinzen“ (von Exupery), wie der Fuchs denselben bittet, ihn zu zähmen, ihn vertraut zu machen. Dieses Vertraut werden bedingt durch eine Erfahrung des im Leben wirklich Wesentlichen.

Vertraut werden ist die Voraussetzung für Verantwortung. Der große Umweltschutz fängt mit der Verantwortung für das Nahe an.

Das Staunen über das Wunder Leben beginnt nicht zuletzt im Staunen über ein winziges Samenkorn. Vor Jahren habe ich ein Kindergedicht über den „Wunder-Samen“ geschrieben:

Wenn wir „welch ein Wunder“ raunen,
über große Technik staunen,
sollten wir doch unterdessen
größre Wunder nicht vergessen.
Nur ein Beispiel will ich nennen,
eines, das wir alle kennen:
Diesen winzig kleinen Samen,
aus dem Wunder kommen, kamen:
Gräser, Kräuter und Getreide,
Blumen, eine Augenweide,
Bäume, Blätter Früchte tragend,
mächtig in den Himmel ragend.
Alles ruht von dieser Fülle
in des Samens zarter Hülle.
Jedem Samen ist gegeben
Dieses größte Wunder „Leben“,
diese wundersame Kraft,
die, erschaffen, selbst neu erschafft.

Es wird deutlich, dass Erziehung zur Verantwortung nicht wie das heute immer mehr in fast abwegiger Weise versucht wird, da Kognitives, dort Emotionales zu sehen, ein Ineinander-Verwobensein sein muss von Wissen, Kennen und Können, auch Staunen und Fragen und sogar vom Bewusstsein, in dieser großen Creatio, der Schöpfung, kreativ mitgestalten zu können, schützend, hegend und pflegend im Kleinen auch dann für Größeres Verantwortung zu übernehmen.

In diesem Sinn ist eine recht verstandene Werteerziehung auch nicht ein Sammelsurium einer Aufzählung von irgendwelchen Werten und Haltungen, sondern eine klare Einsicht in die Schönheit der Schöpfung und Aufgeschlossenheit dem Wahren, Schönen und Guten gegenüber. Das bedeutet aber, dass wir vor lauter Stofffülle nicht vergessen dürfen, uns an dem Schönen zu erfreuen, uns die Tatsache bewusst machen müssen, dass wir als Menschen als einzige Lebewesen ein Auge, Ohr, ein Herz für das Schöne haben dürfen.

Wunderbar hat das Eichendorff in dem Gedicht „Wünschelrute“ zum Ausdruck gebracht:

Schläft ein Leid in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Wo sich ein Biologieunterricht, der ja eigentlich eine Kunde vom Leben sein sollte, aber nur mehr darauf beschränkt, die Zahl der Staubgefäße des Buschwindröschens, die chemischen Formeln der Photogenese und die Zahnformel der Katze: 3-1-4-2 zu vermitteln, mittels Arbeitsblättern und Multiple-Choice-Verfahren ankreuzen zu lassen, lernen unsere Kinder wahrhaft nicht fürs Leben, sondern „für die Katz“.

Erziehung zur Verantwortung vor Natur und Schöpfung bedeutet ein Abrücken von der heute leider immer mehr gepflegten punktuellen vermeintlichen Wissenserfassung durch Feststellungstests. Wissen und Verantwortung dürfen nicht losgelöst voneinander verstanden werden. Verantwortlich sein ist im Übrigen eine hervorragende Motivation von Wissenserwerb, aber auch für ein Wissen, das vors Gewissen gebracht wird. Verantwortlichkeit erwächst aus Staunen und Erfurcht vor der Schöpfung und dem Leben. Sie weist dem Einzelnen einen Platz in dem Gesamtgeschehen zu, bleibt nicht bei Fernzielen und einem „Man müsste“ stehen, sondern zeigt Wege auf, in denen jeder etwas zur Erhaltung der Schöpfung, aber auch zu einer Verbesserung beitragen kann:

Es kommt auf mich an,
es kommt auf dich an,
dass unsere Erde
noch besser werde.

Vor Jahren habe ich den Text eines Liedes geschrieben:

Sing mit mir das Lied des Lebens,
sings mit frohem Mut.
Nichts, was lebt, lebt nur vergebens.
Leben, das ist gut.
Sieh das Wunder, das der Pflanze,
Tier, Mensch eingesenkt,
dass das Leben neues Leben
immer wieder weiterschenkt.
Leben ist Geschenk, ist Gabe,
Leben ist es wert,
dass man dafür Sorge trage
und die Schöpfung ehrt.

b) Verantwortung für den anderen

Erziehung zur Verantwortung meint natürlich in besonderer Weise auch die personale Verantwortung für den andere, den Mitmenschen, den Nächsten. In der geschilderten Zeitsituation, in dem Medienzeitalter, wo Anonymität und der Verlust der Unmittelbarkeit drohen, fällt es immer schwerer, der dialogischen Struktur unseres Menschseins entsprechend Gespräche zu führen. Ich habe schon vor Jahren versucht, die Pervertierung des Unmittelbaren durch Kommissionen u.ä. zu glossieren:

Barmherziger Samariter modern...

Ich helfe.
Ich müsste helfen.
Man müsste helfen.
Man müsste darüber nachdenken, wie man helfen könnte.
Mann müsste darüber diskutieren, wie man übers Helfen nachdenken könnte.
Man müsste eine Kommission bilden, in der man darüber diskutiert, wie man übers Helfen nachdenken könnte.
Man müsste zunächst den Termin für eine Tagung finden, in der man berät, welche Leute überhaupt in die Kommission aufgenommen werden sollen, in der man darüber diskutiert, wie man übers Helfen nachdenken könnte.
Man müsste... Hilft nichts. Es hilft ohnehin nichts mehr.

Phil Bosman stellt fest:

„Ein Prozent Hilfe ist mehr als hundert Prozent Mitleid“. Und Richard Dehmel meint: Ein bisschen mehr Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit“. Es geht also hier in erster Linie um die konkrete Person des anderen nicht eine noch so großartige Idee. Wir werden immer wieder vor die gerade für jeden von uns zu leistende Aufgabe gestellt. Wir sind stets in der konkreten Begegnung mit unseren Mitmenschen herausgefordert zur Toleranz, zum Gespräch, zur Versöhnung, zum Kompromiss usw. Das ist auch die Grundlage für die Völkerverbindung und Völkerfreundschaft.

Verantwortung vor dem Nächsten beginnt mit dem ersten Schritt auf den anderen zu und mit dem Versuch, grundsätzlich den anderen Wohlwollen und Güte entgegenbringen zu wollen. Dazu ist es aber wieder notwendig, in unserer Zeit, die durch Lärm und Medienschwemme gekennzeichnet ist, das Auge und das Ohr für das Kleine, Überschaubare und Leistbare zu schärfen, sehen und hören zu lernen. Wer, wie gesagt, verantwortlich handeln will, muss Großartige im Kleinen und Nahen wieder entdecken, das Wunderbare auch in den kleinen Dingen dieser Welt zu erfahren, erleben und zum Staunen zu gelangen.

c) Erziehung zur Verantwortung vor sich selbst

Verantwortlichkeit bedeutet nicht nur Verantwortung vor der Um- und Mitwelt, sondern auch vor sich selbst. Bekanntlich lautet das Gebot nicht nur: „Du sollst den Nächsten lieben“, sondern „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst“. Wenn wir unser Leben als Geschenk betrachten, dann sind wir diesem gegenüber auch verantwortlich. Voraussetzung dafür ist nun, dass wir uns zunächst über diese Chance, das Licht der Welt erblicken zu dürfen, freuen. Wer keinen Sinn im Leben sieht, kann kaum Verantwortung für sich und andere finden und tragen. Angesichts der eingangs geschilderten Probleme schon bei Kindern und Jugendlichen erscheint es als äußerst wichtig, den Jugendlichen mittels Erziehung im Sinne der Lebenshilfe auch zur Freude am eigenen Leben hinzuführen. Ein wichtiges Erziehungsziel ist in diesem Zusammenhang die Ich-Stärke. Diese ist auch eine ganz wichtige Voraussetzung im Kampf gegen die Suchtgefährdung. All unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass der beste Schutz ein gesundes Selbstbewusstsein ist. Aus dieser Einsicht resultieren dann auch viele Aktionen, die ich an meinem Lehrstuhl an der LMU München ins Leben gerufen habe und auf die ich noch zu sprechen kommen werde. Ein kleines Beispiel, dem Kind sein Leben als etwas Großartiges bewusst zu machen, ist der Verweis auf den Stammbaum. Ich habe diesen Gedanken in ein kleines Gedicht gekleidet, das ich bei meinen jeweiligen Unterrichtsbesuchen mit den Kindern zusammen vorführe:

STAMMBAUM

Was schaust du so traurig?
Was findest du so schaurig?
Sag, weißt du, mein Guter,
ein Vater, eine Mutter
mussten sich treffen auf Erden,
dass du konntest werden,
zwei Opa, zwei Oma,
die mussten zusammenkommen.
Und das nicht genug:
Vier Ur-, acht Urur-, sechzehn Ururur-
Großeltern dazu.
Ganze Meter von Ahnen,
die mussten anbandeln,
dass am Ende dann
grad du bist rausgekommen.
Ein Aufwand, ein feiner.
Und das nur wegen deiner.
Drum schau nicht so z`wider
Und lach bitte wieder.

4) AKTIONEN

a) Sag Ja zum Leben

In diesem Abschlusskapitel versuche ich der dritten Kant’schen Frage gerecht zu werden: Was kann ich tun?

 

Die konkreten Aktionen, die sich aus den vorherigen Gedanken ableiten, sind alle getragen von der Prämisse, dass das Leben etwas Sinnvolles, Wertvolles, ja Wundersames ist: Wenn, wie gesagt, Erziehung als Lebenshilfe, also die Aufgabe hat, diese Einstellung zum Leben immer wieder zu vermitteln, nahe zu bringen, erfahren, erleben zu lassen, aber auch vorzuleben, werden sich erhebliche Konsequenzen für den Unterricht und Schule ergeben. Eine solche Grundlegung schließt keineswegs jede andere Wissensvermittlung aus und wird sich auch nicht penetrant als ein „ceterum censeo“ allenthalten bemerkbar machen müssen. Aber sie stellt das Fundament und sozusagen die „Belebung“ der pädagogischen Bemühungen dar. Selbstverständlich steht dabei der „Adressat“, das Kind, der Jugendliche im Vordergrund, um dessen Leben es ja geh. Das bedeutet u.a. auch, dass die Fragen des jungen Menschen ernst genommen werden müssen und man ihn nicht z.B. auf das Ausfüllen von Multiple-Choice-Blättern oder als zu messendes Testwissen reduziert. Wenn wir – durchaus berechtigt – den jungen Menschen auch als Lernenden betrachten, so ist aber immer auch die Frage zu stellen, um welche Lerninhalte es geht. und diese können und dürfen nicht an den existentiellen Bedürfnissen des Menschen vorbeigehen.

Bei meinen vielfältigen Tätigkeiten im Wissenschaftsbereich und in Kommissionen wie beispielsweise der „Bundeskommission gegen Gewalt“ oder dem „nationalen Drogenrat“ zeigte sich, dass die weitgehend größte Chance sowohl im Bereich Gewalt als auch Sucht in einer rechtzeitigen Prävention liegt. Leider wird heute bildungspolitisch viel zu sehr im Ad-hoc-Verfahren gedacht. Prävention ist eine langfristige Angelegenheit, bei der man meinst nicht schnelle Erfolge erzielen und schon gleich gar nicht alles messen kann. So wird häufig ein durchaus kostenaufwendiger Aktionismus betreiben, der in der Regel dazu dient, dass der jeweilige Träger sich als der „Retter der Nation“ präsentiert, der das sichere Rezept für oder gegen alles in Händen hält. In der Regel profitiert in erster Linie die Textilindustrie, die beauftragt wird, eine Vielzahl von Trikots mit dem jeweiligen Slogan zu liefern: „Keine Macht den Drogen“, „Meine Droge der Verein“, „Seid nett zueinander“ usw. Die Aufklärungskampagne finden wir dann auch auf allen möglichen Plakaten, Prospekten und Anzeigen. Selbstverständlich werden dann auch noch Kugelschreiber, Radiergummi und Luftballone und eine Unzahl von Heftchen – meist im Comic-Stil gehalten – verteilt. Dabei geht man von den in der der Geschichte der Menschheit immer wieder widergelegten Optimismus aus, dass eine Aufklärung a) unbedingt gehört bzw. gelesen wird und b) zu einer Haltungsveränderung führt. Beispiele ließen sich in Hülle und Fülle anführen. Stellvertretend sei nur der Antigewaltkoffer „Faustlos“ genannt, der nichts weiter als zwei Heftchen mit Rollenspielvorschlägen und eine Mappe Bildfolien enthält. Dieser Koffer, dessen Herstellung weitgehend mysteriös blieb (USA!!!), wurde den zuständigen Stellen für jeweils 500 € in großen Mengen angedreht. Heute lagert er meist in einem Abstellschrank.

Prävention wird sicher nicht auf Aufklärung verzichten können. Sie kann aber nur als eine sehr individuelle Art und Weise geschehen, die im Besonderen von der Erzieherpersönlichkeit getragen sein muss. Voraussetzung ist dabei vor allem, dass der/die Person bzw. Personengruppe sich mit den Grundlagen identifiziert, selber von dem angesprochenen „Ja zu Leben“ getragen ist. Dieses Ja ist die Grundlage für das wohl wichtigste Präventionsziel „Kinder stark zu machen“, wobei es sich dabei selbstverständlich nicht um ein mechanisches Machen handeln kann.

Diese „Stärke“ beinhaltet u.a. Lebenstüchtigkeit, Selbstvertrauen, Annahme seiner selbst auch mit der jeweiligen Einsicht in die eigenen Grenzen, Toleranz (aber im Sinne eigener Standortgewinnung), Gesprächsfähigkeit, und, seine Meinung zu vertreten. Mut, den ersten Schritt zu wagen, vor allem aber die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Es wird deutlich, dass diese „Ich-Stärke“ nicht nur von einer einseitigen Intelligenz-Ausrichtung getragen sein kann. Vielmehr gehören zu Lebenstüchtigkeit auch, wie aufgezeigt, Klugheit, Geschicklichkeit (sollertia) und Durchhaltevermögen. Erfolgserlebnisse stellen sich in der Regel nur ein, wenn man erfährt, dass man etwas zu Ende gebracht hat. Dies muss nicht unbedingt in Rekordzeit und auf schnellstem Weg geschehen. Gerade Grenzerfahrungen, Error-and-Trial-Erlebnisse können stark machen. Nicht zuletzt geht es darum zu zeigen, dass man auch trotz Schwächen stark sein und aus Fehlern lernen kann. Das wird deutlich in Sprichwörtern wie: „Man kann aus Steinen, die in den Weg gelegt wurden, auch eine Treppe bauen“ oder „Man kann den Wind nicht verbieten, wohl aber Windmühlen errichten“.

Im Gegensatz zu dem aufgezeigten Aktionismus geht es in erster Linie darum, dass auch schon das Kind ernst genommen wird und eine realisierbare Gelegenheit erhält, Verantwortung zu übernehmen. Realisierbar bedeutet, dass der junge Mensch auch ein Erfolgserlebnis bekommt, also nicht utopische Aufgaben gestellt werden. So scheint es geboten, sich ganz konkret Gedanken z.B. über das Thema „Gute Taten“ zu machen. Ich habe immer wieder erlebt, welche Freude und Kreativität Kinder und Jugendliche entfalten können, wenn es sich darum handelt, wie man dem anderen eine Freude bereiten kann. Mit vielen Lehrerinnen und Lehrer stehe ich seit Jahren in einem regen Erfahrungsaustausch in Hinblick auf die von mir so bezeichneten Aktionen: „Kreativität des Guten“ und „Schick dein Lächeln auf die Reise“.

Ich bin mir im Klaren, dass auch noch so viele Aktivitäten nicht alle Probleme verhindern können, glaube aber, dass sie dazu beitragen können und wohl, dass sage ich voll Freude, schon dazu beigetragen haben, dass da und dort ein wenig mehr Zuwendung erfolgt und vielleicht sich ein Lächeln schon vervielfacht hat.

b) Discofieber

In der Aktion „Discofieber“ hat Dr. Anton Euba in vorbildlicher Weise gezeigt, wie man mit persönlichem Engagement Jugendliche mitverantwortlich machen kann. Die Erfolge, wenn Jugendliche Jugendliche aufklären, sprechen für sich. Es ist der große Verdienst Dr. Eubas, dass er erfüllt von diesem pädagogischen Anliegen, über Gefahren von Drogen, Alkohol usw. aufklären zu wollen, mit medizinischer Kompetenz ein vorbildliches, beispielgebendes konkretes Präventionsmodell geschaffen hat, dem man nur noch weitere Verbreitung wünschen darf.

Lassen Sie mich meinen Vortrag mit zwei meiner Texte schließen:

Alternative Energien

In unserer Zeit ist so viel von alten und neuen Energien und von Rohstoffen die Rede. Wie wäre es, wenn wir eine Reihe von alten Energien und Rohstoffe neu entdeckten und ihrer Förderung wieder größeres Augemerk zuteil werden ließen?

Da wäre einmal die menschliche Wärme. Sie kann schon durch ein kleines freundliches Lächeln erzeugt werden. Strahlen wir doch einfach einen Menschen in unserer Umgebung liebevoll an! Ein Strahlen, für das wir beileibe keinen Strahlenschutz brauchen.

Dann wäre zu nennen der Energiespender Freude. Von ihr wird die Fröhlichkeit des Herzens immer wieder neu aufgeladen, und diese wiederum ist eine Art Akkumulator, eine Batterie, die auch an kälteren Tagen Lebenskraft vermittelt. Ganz besonders schonend geht die Fantasie mit unseren Ressourcen um. Sie lässt uns ohne einen besonderen Kraftstoffverbrauch in ganz neue, unbekannte Regionen fliegen und uns immer wieder Großartiges entdecken. Fantasie ist die Schöpferkraft schlechthin. Sie überwindet Zeit und Raum und ist der Beweis, dass es doch noch etwas viel Schnelleres als die Lichtgeschwindigkeit gibt, etwas, das sogar die Grundkraft der Gravitation beliebig aufheben kann. Dazu kommt die Stärke des Glaubens, der ja bekanntlich Berge versetzen kann. Die treibende Kraft der Hoffnung, die uns immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen lässt. Und die wohl alles überwindende Macht der Liebe, die menschliche „Kernenergie“ schlechthin.

Nicht vergessen dürfen wir natürlich das Öl des Humors, das hilft, dass etwas leichter geht, und der uns auf diese Weise Energie sparen hilft. Die Entdeckung der in uns verborgenen Energie erfordert kein kostspieliges Forschungsvorhaben, nur ein wenig Selbsterforschung. Sie verlangt auch keine aufwändigen Mittel. Wohl aber einen Weg, der zwar recht kurz erscheinen mag, der den Menschen aber merkwürdigerweise immer recht schwierig erschienen ist: den Weg in uns selbst hinein.

Ebenso kurz – und für manchen noch schwieriger – sind die paar Schritte auf den anderen, auf unseren Nächsten zu. Doch dieser Gang bringt mit Sicherheit mehr als eine Reise um die ganze Welt!

Welle der Fröhlichkeit

Wenn, wie die Naturwissenschaft heute weiß, der Flügelschlag eines kleinen Schmetterlings einen Lufthauch verursachen kann, der einen Wind, dieser einen Sturm und der wieder einen Orkan auslösen kann. Wenn dieser Flügelschlag einen Klimasturz bedingen kann, der zu einer absoluten Unordnung führt... ...vielleicht könnte dann auch ein kleines gutes Wort, ein freundliches Lächeln so wie ein Flügelschlag wirken. Vielleicht könnte es zunächst eine kleine Bewegung erzeugen, die eine Welle der Fröhlichkeit entstehen lässt, welche wiederum zu einem unbändigen Strom anschwillt. Und dieser Strom könnte vielleicht die eingefahrenen Bahnen der Gleichgültigkeit sprengen und die Welt in die „Unordnung“ der Liebe versetzen.

Vielleicht, vielleicht auch nicht...

Aber es kostet nichts, es zumindest zu versuchen, mit Lächeln zu beflügeln. Ich versuch es gleich bei dir.

Pädagogik

Jeden Tag, ganz ungelogen
hörst von Pisa-Psychologen
Neues über Bildungsfragen:
Leider san as meiste Klagen,
was net hinhaut hier im Lande.
Vieles war a Riesenschande,
dass, wenn Länder wir vergleichen,
wir von de Bessern stark abweichen.
Das beweisen dann die Zahlen,
die ein schlimmes Bild uns malen.
Jeden Tag werds bei uns schlimmer,
Pisa, Iglu. Mia wern dümmer.
Finnland, Japan san die besten.
Das beweist sich bei den Testen.
Und drum brauch ma Millionen
für de Innovationen.
Für de ganzen Forschungsfelder
brauch ma noch vui mehra Gelder.
Hochbegabte müaßt ma züchtn
und vui frühra unterrichten.
Statt im Kindergarten singa,
zeichnen, beten, laufen, springa,
solltns am Computer sitzen,
Laptops lernen zu benützen,
subtrahieren und addieren,
Wurzel ziehn, multiplizieren.
Und drinn in der Badewanna,
sollt as Kind sofort halt dann aa
wissen, dass es plätschert froh
in dem warmen H2O.
Sollt das Kind den Ball nicht fangen,
gilt`s die Einsicht zu erlangen:
Schuld dran ist von Anfang schon
nur die Gravitation.
Statt an Blumen sich zu freuen,
bringt es mehr Erfolg von neuem,
um die Blume zu kapieren,
sie ins Kleinste zu sezieren.
Chancengleichheit gilts zu wahren
schon von allerersten Jahren.
Das ist richtig. Doch daneben
sollt es auch die Chance geben,
noch ein wenig, wie ich mein
für das Kind: Ein Kind zu sein
.

 

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