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Dreikönigsgaben. Foto: Anette Herrmann-Schmidt
Foto: Anette Herrmann-Schmidt; Figuren der Pfarrkrippe in St. Albertus Magnus in Stein/Mfr. von Corbinian Böhm

Damit lässt sich wieder ein Jahr leben

Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren.
Lass es fahren.
Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht,
Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir.
Er wird sie annehmen.
(Karl Rahner)

Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg… In einem meiner Lieblingsbücher, „Nirgendwo ist Poenichen“, erzählt Christiane Brückner von Maximiliane, einer jungen Frau, die mit ihren vier Kindern 1945 aus ihrer Heimat Pommern fliehen muss. Auf einem Handkarren finden ihre wenigen Habseligkeiten und abwechselnd die zwei Kleinsten Platz. Unterwegs leben sie von der Hand in den Mund. Oft schlafen sie mit knurrenden Mägen ein. Nur eines kann die junge Mutter ihren Kindern reichlich geben: Geschichten, Gedichte, Gesangbuchverse, die den Entwurzelten Halt schenken und ihnen über Momente der Zukunftsangst und Not hinweghelfen.

Viele Menschen haben solch einen Lieder-, Wort- oder Gebets-Schatz, von dem sie zehren. Die Glücklichen! Oft teilen sie ihre Schätze und überraschen ihre Mitmenschen mit einem aufmunternden Spruch oder einem treffenden Vers. Manche Eltern machen zum Beispiel ihren Kindern einen Taufspruch zum Geschenk, der sie durchs Leben begleitet. Von einer Freundin bekam ich im letzten Jahr eine Geburtstagskarte mit einem wunderbar ausgewählten Gedicht und dem Nachsatz „Damit lässt sich wieder ein Jahr leben!“

Bei Karl Rahner habe ich obiges Wort gefunden, beunruhigend und tröstlich zugleich: Viel geht dir verloren. Aber das Wesentliche für deinen Weg, das hast du, und es ist eine königliche, kostbare Ausrüstung.
Damit lässt sich wieder ein Jahr leben!

Text: Irene Keil, Gemeindereferentin in St. Walburga, Nürnberg-Eibach,
Museumspädagogin im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Zitat aus: Karl Rahner, Kleines Kirchenjahr, München 1954, 43

Erscheinungsdatum: 02. Januar 2013