KiZ: Herr Domkapitular Harrer, seit dem 1. September sind Sie Leiter der neuen Hauptabteilung Finanzen/Bau und technischer Dienst im Bischöflichen Ordinariat mit dem Titel „Leitender Finanz- und Baudirektor“. Ihr Traumjob?
Finanzdirektor Domkapitular Willibald Harrer: Da darf ich ungeniert meine erste Reaktion zitieren. Als der Bischof mir vorgetragen hat, er wünscht, dass ich Finanzdirektor werde, war meine Antwort: „Herr Bischof, meine Lebensplanung ist eine andere: Ich möchte als Caritasdirektor in den Ruhestand gehen.“ Aber im Ernst: Wenn man Theologie studiert und vorhat, Priester zu werden, hat man in erster Linie die Vorstellung, Seelsorge zu betreiben. Als Pfarrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich ein Talent habe, Dinge organisatorisch und wirtschaftlich zu betrachten und auf den Weg zu bringen. Von daher musste ich mir keinen Zwang antun, mich mit einem „Ja“ für die Bitte des Bischofs zu entscheiden und Finanzdirektor zu werden. Was dazu kommt und eine Riesenhilfe ist: Meine Vorerfahrung als Caritasdirektor. Das ist eine Aufgabe, bei der ich bereits die Verantwortung für einen großen Apparat – immerhin ca. 3.000 Mitarbeiter – hatte. Da habe ich gelernt, einen solchen Apparat zu führen. Und das Zweite: Bei der Caritas muss man auch sehr stark auf die Wirtschaftlichkeit schauen, um bei der organisierten Form der Nächstenliebe mit dem Geld zurecht zu kommen. Diese Erfahrung hilft mir sehr, wenn ich nun meine neue Aufgabe übernehme.
Der Titel Diözesanökonom, den Sie zusätzlich tragen, war bislang im Bistum unbekannt. Was unterscheidet ihn vom bisher gebräuchlichen?
Harrer: Diözesanökonom ist die Bezeichnung, die im Codex, im kirchlichen Gesetzbuch steht. Diese Funktion ist auch früher schon immer bekleidet worden, nur hat sich bei uns im landläufigen Sprachgebrauch der „Finanzdirektor“ eingebürgert, der eben für die Finanzen der Diözese zuständig ist. Aber gleichzeitig ist er Diözesanökonom, der unterhalb und in Verantwortung des Bischofs die Vermögenswerte der Diözese im Blick hat und mit den Instrumenten einer ordentlichen Haushaltsführung behandelt.
Sie haben dieses Amt angetreten in wirtschaftlich sehr bewegten Zeiten. Erklären Sie dem Laien: Wie finden Sie die Diözese finanziell aufgestellt vor?
Harrer: Gott sei Dank in einer sehr soliden und guten Weise, weil in der Vergangenheit sehr zurückhaltend Personal- und Investitionspolitik betrieben wurde und weil in der ersten Wirtschaftskrise 2003/ 2004 schon ein schmerzliches Sparprogramm eingeleitet wurde. Ich darf an die Zahl erinnern, die Generalvikar Limbacher immer genannt hat: „Wir müssen Stelleneinsparungen vornehmen in der Größenordnung von 120 plus x“. Damals wurden schon die Weichen dafür gestellt, dass wir jetzt finanziell nicht mit dem Rücken an der Wand stehen, sondern aus einer guten Ausgangslage heraus in unserer Diözese die Finanzpolitik gestalten können, so dass uns die Wirtschafts- und Finanzkrise des vergangenen Jahres nicht so hart getroffen hat, wie man zunächstbefürchten musste. Wenn ich die aktuelle Situation anschaue, kommt uns die wirtschaftliche Entwicklung sogar sehr zu Gute.
Welche großen Herausforderungen im finanziellen Bereich sind in der Diözese in den nächsten Monaten und Jahren zu bewältigen?
Harrer: Das Finanzvolumen der Diözese betreffend haben wir die Ausgangssituation, dass wir mit etwa 90 Millionen Euro als Jahresaufkommen operieren können. Aber in der längeren Perspektive – und da spielt die demographische Entwicklung natürlich eine Rolle – werden wir mit etwa 75 Millionen Euro auskommen müssen. Für diese langfristige Perspektive müssen wir jetzt schon anfangen, die Weichen zu stellen, damit wir in einem sanften Übergang mit dem Geld zurecht kommen.
Ein beträchtlicher Anteil des Diözesanhaushalts wird für Personalkosten aufgewendet. Gibt es hier überhaupt Sparpotential, wenn die pastorale Arbeit und die übrigen Dienstleistungen auf dem bewährten Standard gehalten werden sollen?
Harrer: Das ist eine schwierige Frage. Pastorales Personal hat man in der Regel nie genug, weil die Aufgabenstellungen gegeben sind, weil die Verkündigung der Botschaft, die Zuwendung zu den Menschen, das Dasein für die Menschen eine grundsätzlich wichtige Aufgabe für uns als Kirche ist. Unser Dienst als Kirche, die Verkündigung der Botschaft, die verschiedenen liturgischen und pastoralen Dienste sind personalgebunden und personal-intensiv. Da ist man gegebenenfalls in der Zwangslage, entscheiden zu müssen: Dieses können wir uns leisten und dieses nicht. Das ist schmerzhaft. Aber wenn wir finanziell gesund und stabil bleiben wollen, dann müssen wir auch diese weltliche Gegebenheit – Geld nämlich – in den Blick nehmen und sagen: Nur, was wir zur Verfügung haben können wir einsetzen. Einen Teil des Geldes braucht man ja auch, um beispielsweise bauliche Notwendigkeiten bedienen zu können. Früher hat man die Obergrenze für Personalausgaben bei maximal 50 Prozent eines Haushaltes gesehen. Da liegen wir mittlerweile etwas darüber. Hier müssen wir Acht geben, dass wir die richtige Verteilung behalten.
Welche Bedeutung haben Erziehung und Bildung im Haushaltsplan der Diözese. Kann sich ein Bistum noch kirchliche Schulen leisten, sind die Kindertagesstätten weiterhin finanzierbar?
Harrer: Bildung im Sinne von Vermittlung auch christlicher Inhalte und Werte – und das ist für uns als Kirche die Motivationsgrundlage für Bildung – halten wir für eine unverzichtbare Grundaufgabe, beginnend im Bereich der Kindertagesstätten bis hinauf zum Religionsunterricht in den Schulen, ja sogar bis zur Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Dass die Diözese Schulen übernommen hat, die früher in Trägerschaft von Ordensgemeinschaften waren, beispielsweise Rebdorf, Maria Ward oder auch Abenberg, hat damit zu tun, dass wir die Chance nutzen wollen, über die Schulen unsere christliche Botschaft, an den Mann, an die Frau, an die Kinder zu bringen. Was Kindertagesstätten anbelangt, brauchen wir kein flächendeckendes Angebot zu machen, aber wir möchten hier auch präsent sein und sind von daher bereit, zur Unterstützung der Kindertagesstätten in den Pfarreien auch Gelder zur Verfügung zu stellen. Was die Organisation und Personalführung betrifft, damit Pfarrer und örtliche Pfarrgemeinden entlastet werden, sind wir dabei, Strukturen zu entwickeln, die das ermöglichen.
Sind Kürzungen im weiten Feld des sozialkaritativen Dienstes – eine der drei wesensbestimmenden Säulen, auf denen die Kirche Jesu Christi ruht – für Sie denkbar?
Harrer: Es kann durchaus sein, wenn ich von der denkbar schlimmsten Situation ausgehe, dass man nicht mehr anders kann, als zu kürzen. Wenn ich von der derzeitigen Situation ausgehe, werden wir unser Engagement im sozial-karitativen Bereich, speziell die Unterstützung des Caritas-Verbandes, in der Größenordnung wie bisher halten können. Aber wenn es nicht mehr anders geht, dürfen wir auch davor nicht die Augen verschließen, dass wir gegebenenfalls Angebote, die die Caritas macht, zurückfahren müssen.
Auch in schweren Zeiten oder gerade dann, sagen Finanzfachleute, sollte man investieren? Tut das die Diözese?
Harrer: Der Bischof bat mich im vergangenen November, eine sogenannte Perspektivkommission zu leiten, die diese Aufgabenstellung hat: Wirtschaftlich-finanzielle Gegebenheiten zu betrachten und sich gleichzeitig Gedanken zu machen, wie wir uns als Kirche organisieren müssen, um die Menschen zu erreichen und um nachhaltig unsere Botschaft zu verkünden. Da haben wir unter der Vorgabe des Bischofs, ohne Tabus zu denken, versucht, neue Wege zu finden. Ich bin als Finanzdirektor zum Beispiel gerne bereit, wenn im Seelsorgeamt neue Ideen für eine zeitgemäße Seelsorge entwickelt werden, etwas zu investieren. Unsere Seelsorge darf nicht ins Leere gehen. Wir müssen uns viel stärker den soziologischen Veränderungen der Gesellschaft stellen, damit wir die Menschen noch erreichen. Wir müssen Nachhaltigkeit erreichen, nicht immer nur den gleichen Trott fahren. Für überzeugende neue seelsorgerliche Konzepte bin ich gerne bereit, Geld in die Hand zu nehmen, und sie zu unterstützen. Ihre Frage zielt aber eher auf konkrete Investitionen, etwa im Baubereich. Da ist in einem Gebilde wie einer Diözese immer etwas zu Gange – unabhängig von der Wirtschaftssituation.
Die Kirche und ihre Immobilien – hier sind absehbar hohe Investitionen in den Unterhalt und Erhalt von Bausubstanz vonnöten. Werden wie bislang Zuschüsse fließen können?
Harrer: Die Pfarreien sind überfordert mit dem Unterhalt und den Instandsetzungskosten von Gebäuden, da werden Zuschüsse fließen müssen. Aber da müssen und werden wir auch sehr differenziert herangehen. Natürlich versuchen wir, Kirchen zu erhalten. Aber es kann auch der Punkt kommen, wo man sich konkret Gedanken machen muss: Können wir das Geld für diese Nebenkirche in einer Pfarrgemeinde noch aufbringen, wenn sie nicht mehr pastoral genutzt wird? Hier wollen und werden wir sehr sensibel herangehen, da so etwas auch Verletzungen in der Bevölkerung hervorrufen kann. Bei Räumlichkeiten, die eine Pfarrgemeinde braucht – Gemeinderäume, Jugendhäuser usw. – ist in der Vergangenheit schon genau geschaut worden, und da werden wir in Zukunft noch stärker hinsehen und gegebenenfalls reduzierte Genehmigungen aussprechen müssen, vielleicht auch mancherorts einen Rückbau, einen Verkauf, eine Umwidmung in Betracht ziehen, aber immer in Relation zum Bedarf. Wenn in einer Pfarrgemeinde ein Pfarrheim genutzt wird, haben wir überhaupt nichts dagegen, dieses zu unterstützen.
Sind demnächst größere Baumaßnahmen im Bistum zu schultern?
Harrer: Ja, wir haben beispielsweise aktuell als größte Maßnahme die Schule in Rebdorf, da sind mehr als 20 Millionen zu investieren. Dann müssen wir auch das Bildungshaus Schloss Hirschberg für die heutige Zeit rüsten, auch da sind mehrere Millionen in die Hand zu nehmen. Ansonsten sind in vielen Kirchen und Gebäuden der Diözese Renovierungsarbeiten im Hinblick auf die Dachstühle notwendig. Häufig sind die Balkenköpfe angefault. Das hat mit dem Alter zu tun. In der Summe ergibt das auch eine Menge Geld, das man investieren muss.
Wirtschaftsexperten machen derzeit einen Boom in der Wirtschaft aus. Profitiert die Kirche davon?
Harrer: Ja, das ist ein sehr direktes Verhältnis. Wie jede Steuer hängt die Kirchensteuer von dem ab, was erwirtschaftet wird. Kirchensteuern sind gekoppelt an die Lohn- und Einkommenssteuer. Also gibt es einen direkten Bezug zwischen florierender Wirtschaft und sprudelnder Kirchensteuer. Läuft die Wirtschaft gut, gibt es höhere Steuern.
Welche Vorteile hat eigentlich die Kirchensteuer generell, was bringt sie dem deutschen Bürger?
Harrer: Zum einen die Planungssicherheit. Wenn ich Personal beschäftigte, das jeden Monat bezahlt werden muss, brauche ich eine planbare Größe. Das Zweite ist, und das halte ich für sehr wertvoll in unserem deutschen System: Wir sind unabhängig, wir kommen in keine Abhängigkeit. In einem System wie beispielsweise in den USA, wo die Kirche von Sponsoren lebt, kann es sein, dass diese ihre Spenden mit bestimmten Auflagen verbinden.
Und ist es nicht auch so, dass das Kirchensteuermodell dem Steuerzahler im Endeffekt Geld spart, da es ihm um ein vielfaches teurer käme, wenn der Staat die sozialen Einrichtungen, die Kirche unterhält, finanzieren müsste?
Harrer: Vollkommen richtig. Wenn die Kirchen aus dem Sozialsystem – Kindergärten, Tagesstätten, Sozialstationen, Altenheime, Krankenhäuser und so weiter – aussteigen würden, dann würde das Sozialsystem zusammenbrechen. Es wäre nicht mehr finanzierbar. Der Staat kommt so kostengünstig zu einer Dienstleistung, die er sonst selbst auf den Weg bringen müsste. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele sagen, nein, an diesem System rütteln wir nicht.
Wie wirken sich die Kirchenaustritte und der zusätzlich spürbare demografische Wandel – weniger Geburten, weniger Erwerbstätige – auf die mittel- und langfristigen Finanzpläne des Bistums aus?
Harrer: Kirchenaustritte berühren uns immer schmerzhaft, in erster Linie pastoral. Es ist schmerzhaft, wenn ein Mitglied unserer Kirche uns die Mitgliedschaft per Kirchenaustritt aufkündigt. Bezogen auf die finanziellen Konsequenzen werden dadurch selbstverständlich Kirchensteuermittel verringert. Was die demographische Entwicklung anlangt: Wir haben beispielsweise 1990 in der Diözese Eichstätt 448.000 Katholiken gehabt, aktuell, 2010, haben wir eine Größenordnung von 424.000, da merkt man schon eine Reduzierung innerhalb von 20 Jahren. Es gibt Hochrechnungen für 2050, wonach wir in der Diözese bei 380.000 Katholiken ankommen werden. Wenn man diese Zigtausende weniger Katholiken nimmt, kann man sich leicht vorstellen, dass die Kirchensteuermittel geringer werden.
Was kann die Kirche angesichts schwindender Steuereinnahmen zusätzlich unternehmen, um finanzielle Sicherheit und Beweglichkeit zu gewinnen? Gibt es noch unerschlossene Finanzquellen, Stichwort Fundraising? Sind andere Finanzierungs- und Existenzsicherungsmodelle erforderlich, Stichwort Stiftungen?
Harrer: Das ist ein wichtiges Feld. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass das System Kirchensteuer so erhalten bleibt. Lassen wir einmal starke politische Veränderungen eintreten, dann wird sehr schnell die Diskussion um die Berechtigung der Kirchensteuer geführt werden. Und damit wir dann nicht plötzlich vor großen Problemen stehen, müssen wir jetzt, so meine Überzeugung, die Weichen stellen, dass wir andere Finanzierungsmöglichkeiten generieren. Da spielen Stiftungen durchaus eine Rolle, und da diese einen langen Vorlauf brauchen, ist es höchste Zeit, damit anzufangen. Sponsoren, das ist eher eine punktuelle Geschichte, mit der man Projekte fördern kann. Für die Personalgestaltung braucht man eine berechenbare Finanzplanung. Das kann man damit nicht machen. Insofern würde ich eher mit Stiftungen arbeiten, weil ich hier eine planbare Größe habe. Das wäre eine Modell, mit dem wir besser operieren können.
Ein guter Verwalter darf keine Vorlieben pflegen, nicht einäugig oder kurzsichtig bestimmte Projekte insbesondere fördern. Trotzdem die hypothetische Frage: Sie gewinnen einen siebenstelligen Betrag im Lotto. Mit welcher Auflage würden Sie das Geld ihrer Diözese spendieren?
Harrer: Ich nehme Sie beim Wort, ein guter Verwalter darf keine Vorlieben für sich formulieren. Aber aus meiner inneren Überzeugung würde ich nur die Zweckbestimmung zugrunde legen: Für die Grundaufgabe von Kirche. Wenn ich zum Beispiel Verkündigung nenne, dann ist das ein weites Feld, das kann ich bei der Diözese, beim Bischof festmachen oder in der Pfarrei und beim Ortspfarrer, bis hinein in den schulischen Bereich. Die Liturgie ist ein genauso weites Feld, da kann ich beim Organisten anfangen, bis hin zur Kindersinggruppe, und schließlich gibt es noch den dritten, den karitativen Bereich. Also wie gesagt: ich würde schlicht und einfach die Grundfunktionen von Kirche bedienen wollen. Als Finanzdirektor und Theologe muss ich hier ganzheitlich, generalistisch denken.
Interview: Michael Heberling/Mathias Kempf, Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Veröffentlicht in der Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt Nr. 39 vom 26. September 2010