17.01.2011 08:53

Rede des Vorsitzenden des Diözesanrates Christian Gärtner beim Neujahrsempfang 2011

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich weiß ja nicht, was für ein frugales Frühstück Sie heute Morgen hatten. Hatte vielleicht jemand sogar Rührei mit Speck? Oder hätte jemand von Ihnen sich normalerweise an einem so schönen Samstagmorgen Rührei mit Speck zum Frühstück gegönnt und hat nur wegen der aktuellen Bericht­erstattung über dioxinverseuchte Futtermittel bei der Produktion von Eiern und Schweinefleisch darauf verzichtet?

Im Moment hat ja mal wieder ein neuer Lebensmittelskandal die Berichterstattung in den Medien und unser aller Ekelempfinden als Konsumenten fest im Griff. Dabei ist das eigentliche Problem nicht das Gift in unseren Lebensmitteln. Nicht Dioxin, unser Konsumverhalten hat unsere Nahrung verseucht.

Auch wenn viele von uns zur Beruhigung des Gewissens gelegentlich in Plankstetten einkaufen, ist trotz aller Bio-Siegel und Öko-Märkte dem größten Teil der Landwirtschaft und der Nahrungsmittel­industrie der Qualitätswettbewerb abhanden gekommen. Und zwar deswegen, weil die meisten Ver­braucher nur noch auf den Preis schielen. Und das bei dem, was uns eigentlich heilig sein sollte: Unserem täglich Brot.

Wir brauchen ein ganz neues Bewusstsein, was wir als Verbraucher mit unserem alltäglichen Ein­kaufsverhalten der Umwelt, den Tieren, manchmal auch den Menschen in den ärmeren Ländern dieser Welt, und letztlich uns selbst antun. Gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel sein, wie die übergroße Mehrheit der europäischen Verbraucher allein genügt nicht. Gerade wir Deutschen müssen wieder ein Gefühl für den Wert von Lebensmitteln entwickeln. Das ist auch Teil jener „Ökologie des Herzens“, von der unser Bischof Gregor Maria immer wieder spricht.

Inzwischen ist es schon wieder seit ein paar Tagen „für die Jahreszeit zu warm“. Das erlaubt mir, das Thema „Klimaschutz“ anzusprechen, ohne dass gleich all jene, die Wetter und Klima verwechseln, unter Verweis auf den gerade hinter uns liegenden schneereichsten Dezember seit über 40 Jahren die Tatsache eines durch unseren Raubbau an der Natur verursachten Klimawandels als Ganzes in Frage stellen können.

Dieses Thema beschäftigt uns im Diözesanrat der Katholiken im Bistum Eichstätt, vor allem in unse­rem Sachausschuss „Kirche und Umwelt“ schon seit einigen Jahren. In diesem Jahr nun wird das Klimaschutzkonzept für das Bistum Eichstätt, das ich im letzten Jahr schon angekündigt habe, konkret.

Auch wenn es in unserem Bistum schon seit Jahrzehnten zahlreiche Aktivitäten und Modellprojekte im Bereich Klimaschutz gibt, fehlt noch ein systematisches Klimaschutzkonzept, das vom jetzigen Ener­gieverbrauch ausgeht, Einsparpotenziale betrachtet und mittel- und langfristige Klimaschutzziele festlegt.

Für dieses vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt ist in diesem Jahr ein Gesamtvolumen von fast 100.000 € eingeplant, von denen 40% die Diözese trägt. Zusammen mit der im letzten Jahr erfolgten Errichtung einer eigenen Stelle für Umweltbildung ist das ein nicht unerhebliches finanzielles Engagement und eine Prioritätensetzung im Haushalt, für die wir als Diözesanrat sehr dankbar sind.

Im Rahmen dieses Projektes sollen Einsparpotentiale im Bereich Energie erkannt werden. Darauf basierend wird ein differenziertes Klimaschutzkonzept als Planungsgrundlage entwickelt werden, das auch die Möglichkeit bietet, Fördermittel des Bundesumweltministeriums für Projekte zu beantragen, mit denen dieses Konzept dann umgesetzt werden soll, zum Beispiel in Form von energetischer Gebäudesanierung.

Zu den einzelnen Bausteinen des Klimaschutzkonzepts gehört eine Klimaschutzbefragung sämtlicher Pfarreien und Einrichtungen in der Diözese. Auf dieser Datenbasis wird dann eine Energie- und CO2-Bilanz, und darauf aufbauend eine Klimaschutzkonzeption entwickelt werden, unter Beteiligung von Pfarrgemeinden. Dazu gehören Vorschläge für eine energetische Gebäudesanierung, sowie die Prü­fung der Einsetzbarkeit von erneuerbaren Energien, aber auch von Einsparpotentialen in den Berei­chen Beschaffung und Mobilität.

Wir können stolz darauf sein, dass unser Bistum mit diesem Projekt im kirchlichen Bereich zu den Vorreitern gehört, und ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Pfarreien und kirchliche Ein­richtungen unserer Diözese sich in diesem Jahr aktiv und engagiert an der Erstellung dieser Klima­schutzkonzeption beteiligen.

Über all diese Maßnahmen zum Schutz der guten Schöpfung Gottes, die die natürliche Lebensgrund­lage für uns Menschen ist, dürfen wir den Schutz des Menschen selbst nicht vergessen, gerade der Schwächsten und Schutzbedürftigsten, zu denen die Ungeborenen gehören.

In nächster Zeit wird der Deutsche Bundestag über ein gesetzliches Verbot der Präimplantations­diagnostik beraten und abstimmen. Wir sehen und verstehen die Ängste und Befürchtungen von Paaren, die sich ein gesundes Kind wünschen. Und wir können auch nachvollziehen, dass besonders Familien, die bereits durch eine schwere Erbkrankheit oder Behinderung eines Kindes Leid erfahren mussten, Hoffnungen auf die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik setzen. Wie jedes andere medizinische oder technische Verfahren, bietet die Präimplantationsdiagnostik aber keine Garantie, sondern höchstens gewisse Wahrscheinlichkeiten für den erwarteten „Erfolg“, ein gesundes Kind zu bekommen. Das allein ist für mich schon Grund genug, die Präimplantationsdiagnostik abzulehnen.

Es darf für Eltern auch nicht quasi zur Pflicht werden, unter allen Umständen nur gesunde Kinder zur Welt zu bringen. Dem steht das unbedingt zu garantierende Lebensrecht jedes Menschen gegenüber, das auch die Akzeptanz und Unterstützung kranker und behinderter Menschen und ihrer Familien einschließt.

"Kein Mensch ist perfekt“ – unter diesem Motto will der Deutsche Caritasverband in diesem Jahr auf die Situation von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen.

"Kein Mensch ist perfekt“ – dieses Motto sollte uns auch mehr als misstrauisch machen, wenn ein medizinisches Verfahren wie die Präimplantationsdiagnostik letztlich Kriterien dafür braucht, wie ein perfekter Mensch beschaffen sein sollte, um auf dieser Basis Entscheidungen über Leben oder Tod treffen zu können. Eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik würde nämlich das Lebensrecht des Embryos an Gesundheitskriterien knüpfen, die weder objektiv aufgestellt noch dauerhaft eingegrenzt werden können. Denken Sie nur an die jetzt schon in manchen Kulturen und Ländern der Erde, bei­spielsweise in China oder Indien feststellbare Selektion zugunsten männlicher Nachkommenschaft durch Abtreibung.

Deshalb appellieren wir als Diözesanrat an alle Bundestagsabgeordneten, besonders natürlich an die Abgeordneten aus unserem Bistum, bei den bevorstehenden Beratungen im Deutschen Bundestag für ein gesetzliches Verbot der Präimplantationsdiagnostik zu stimmen.

Es gibt eine Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, die fängt mit denselben Worten an wie unser Grundgesetz: „Dignitatis Humanae“ – „Die Würde des Menschen“. Es ist die Erklärung des Konzils über die Religionsfreiheit, die oft als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Konzils ange­sehen wird. In ihr heißt es:

„Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiö­sen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen - innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu handeln.“ (Dignitatis-Humanae 2)

Das klingt für unsere Ohren sehr selbstverständlich, war es aber in den vorausgegangenen 19 Jahr­hunderten der Kirchengeschichte nicht. Und auch heute, 45 Jahre nach dieser Erklärung erleben wir schmerzlich mit, wie wenig dieses grundlegende Menschenrecht der Religionsfreiheit in vielen Teilen unserer Welt beachtet wird. Und noch schlimmer, wir erleben, wie Menschen, die nichts anderes wollen, als ihre angestammte Religion in ihrem Heimatland wie schon seit Jahrtausenden zu praktizieren, wegen ihrer Religion Opfer brutaler terroristischer Gewalttaten werden.

Wie es in einem anderen zentralen Text des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt, sind „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, (…) auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (Gaudium et Spes 1). Und das gilt natürlich ganz besonders für die Schwestern und Brüder, die uns im Glauben an Jesus Christus verbunden sind, besonders der Bedrängten, ob in Alexandria, in Bagdad, in Pakistan, oder sonst wo auf der Welt. Ihre Freude und Hoffnung, in diesen Tagen aber auch vor allem ihre Trauer und Angst, sind auch unsere Freude und Hoffnung, unsere Trauer und Angst.

Dabei dürfen wir aber andererseits den Terroristen aller Couleur auch nicht auf den Leim gehen. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, die sich heuer zum zehnten Mal jähren, ist es ver­stärkt in Mode gekommen, allen möglichen Konflikten ein religiöses Etikett aufzukleben, oft genug auch, um von den wahren Ursachen abzulenken. Wir dürfen nicht den Fehler machen, meist sehr komplexe politische oder soziale Auseinandersetzungen vorschnell als „Kampf der Kulturen“ oder gar von Religionen zu deuten. Terrorismus und Fundamentalismus sind Perversionen von Religion und für die Verbrechen einiger Extremisten dürfen nicht Millionen von Menschen mitverant­wortlich gemacht werden, nur weil jene ihre menschenverachtenden Ideologien als religiös motiviert deklarieren.

In Diktaturen werden oft Minderheiten, besonders auch religiöse, als Sündenböcke für Unfreiheit und Ausbeutung, sowie wirtschaftliches und soziales Elend instrumentalisiert. Aber auch in der politischen Debatte bei uns haben wir im letzten Jahr erleben können, dass in manchen Beiträgen Probleme der Integration von Zuwanderern, die sich zum größten Teil bei entsprechendem politischen Willen sozial- und bildungspolitisch lösen ließen, als religiös, ja sogar als genetisch bedingt, und damit als prinzipiell unlösbar dargestellt worden sind.

Es gibt eine wachsende Intoleranz gegenüber Minderheiten in fast allen Gesellschaften und Völkern, auch in Europa. Wir Menschen erleben eine zunehmende Globalisierung nicht nur der Wirtschaft, sondern aller Lebensbereiche in diesen Zeiten des Internet und der noch nie dagewesenen Möglich­keit, in höchstens einem Tag fast jeden Punkt der bewohnten Erde erreichen zu können. Diese Globalisierungserfahrung geht einher mit einer weitverbreiteten Angst vor Identitätsverlust, vor dem Verlust von Heimat. Die Folge ist oft eine Überbetonung der eigenen Kultur und Identität, auch der eigenen Religion, bis hin zu neuen Gesichtern des Nationalismus. Hier sind alle Religionen, besonders auch die Kirchen gefordert, eine glaubwürdige Synthese von globaler Identität und Solidarität mit der Beheimatung in einer überschaubaren Gemeinschaft Gleichgesinnter zu schaffen. Wer, wenn nicht wir Katholiken, die wir unsere Kirche manchmal auch als ältesten „global player“ bezeichnen, sollte das schaffen können?

Religionsfreiheit ist dabei ein hohes Gut, gilt doch, wie es das Zweite Vatikanischen Konzil in seiner pastoralen Konstitution „Gaudium et Spes“ formuliert hat: „Aber nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden.“ (Gaudium et Spes 17)

Eine solche Religionsfreiheit, wie wir sie in unserem Land dankbar genießen können, im Weltmaßstab durchzusetzen, ist keine leichte Aufgabe. Aber auch bei uns ist diese Religionsfreiheit, die es allen Menschen ermöglicht, ihren Glauben friedlich zu leben, nicht einfach etwas, das unveränderlich ge­geben ist. Für die Religionsfreiheit, wie für jede Freiheit müssen wir uns als Bürgerinnen und Bürger wachsam und engagiert in die öffentlichen und politischen Debatten einbringen.

Als Christinnen und Christen sollten wir gleichzeitig engagierter zu unserem Glauben stehen, „unseren Glauben stärker öffentlich machen“, wie es Erzbischof Robert Zollitsch einmal formuliert hat. Die Öffentlichkeit und besonders auch die Menschen, die unseren christlichen Glauben nicht teilen, sollten an unseren Pfarrgemeinderatssitzungen, an unserem Miteinander in den Verbänden und in den Gruppen in unseren Pfarrgemeinden erleben können, was es heißt, wenn Christen sich miteinander aus Ihrem Glauben heraus für das Heil der Welt engagieren.

Religionsfreiheit umfasst auch „die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln“ (Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte). Auch wenn endgültige Zahlen noch nicht veröffentlicht sind, ist klar, dass wir das in der katholischen Kirche in Deutschland im vergangenen Jahr durch eine sehr hohe Zahl von Kirchenaustritten schmerzlich erfahren mussten. Viele dieser Austritte waren Ausdruck des Protests und der Enttäuschung angesichts des Missbrauchsskandals, der die katholische Kirche in Deutschland im letzten Jahr so schwer erschüttert hat. Die Glaubwürdig­keit, die unsere Kirche dadurch verloren hat, wieder zu gewinnen wird länger dauern. Das erfordert von uns, die wir die Kirche lieben - in dem Bewusstsein, dass sie nicht nur eine Kirche der Heiligen, sondern zunächst auch eine Kirche der Sünder ist, einen verstärkten Einsatz und ein missionarisches Zeugnis unseres Glaubens.

„Eine Kirche, die sich erneuern will, muss wissen, wer sie ist und wohin sie zielt. Nichts fordert so viel Treue wie lebendiger Wandel. (...) Wir müssen versuchen, uns und den Menschen, mit denen wir leben, Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in uns ist“ (vgl. 1 Petr 3,15). Wir müssen zu­sehen, dass über den vielen Einzelfragen und Einzelinitiativen nicht jene Fragen unterschlagen werden, die unter uns selbst und in der Gesellschaft, in der wir leben, aufgebrochen sind und nicht mehr verstummen: die Fragen nach dem Sinn des Christseins in dieser Zeit überhaupt.“

So beginnt der zentrale Beschluss „Unsere Hoffnung“ der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, deren erste und konstituierende Vollversammlung vor ziemlich genau vierzig Jahren vom 3. bis 5. Januar 1971 im Würzburger Dom stattfand.

Wenig später heißt es dann in demselben Text: „Alle sind auf dieses Zeugnis lebendiger Hoffnung in der Nachfolge Jesu verpflichtet, weil alle auf diesen Weg der Hoffnung geschickt, weil alle in diese Nachfolge gerufen sind (...). Deshalb müssen eigentlich auch alle beteiligt sein und beteiligt werden an der lebendigen Erneuerung unserer Kirche.“

Dieser Appell der Würzburger Synode, der auch nach 40 Jahren nichts von seiner Aktualität verloren hat, ist auch der bleibende Auftrag für unser Engagement in den Pfarrgemeinden, Dekanaten und Verbänden, sowie im Diözesanrat der Katholiken im Bistum Eichstätt - getragen von einer über alle Probleme und Begrenztheit unserer Welt hinausweisenden Hoffnung, die uns als Christen erfüllt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute und Gottes reichen Segen für dieses neue Jahr.