10 Thesen für eine Kultur der Gesundheit
1. Der Lebensstil ist ein Schlüsselfaktor für präventive Gesundheitspolitik
Die häufigsten und teuersten Erkrankungen der westlichen Welt (koronare Herzerkrankungen, Arteriesklerose, Diabetes II) sind lebensstilbedingt. Sie hängen wesentlich mit Essens- und Bewegungsgewohnheiten sowie psychosozialen Faktoren zusammen. Eine präventive Gesundheitspolitik muss sich deshalb weit stärker als bisher mit diesen Determinanten der Entstehung von Krankheiten befassen. Sie verlagert Investitionen von der Krankheitsreparatur in die Gesunderhaltung der Gesunden.
2. Die gesundheitliche Benachteiligung von sozial Schwachen, Kindern und Jugendlichen ist ungerecht und teuer
Zunehmend wird die Verteilung von Gesundheit und Krankheit zum Spiegel gesellschaftlicher Ungleichheiten. Besonders die gesundheitliche Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen in den unteren Schichten der Bevölkerung nimmt zu. Primäre Prävention muss deshalb die Lebenslagen sozial Benachteiligter in den Mittelpunkt stellen und gezielt zu verbessern suchen. Notwendig ist eine Vernetzung der Gesundheitspolitik mit den vorgelagerten Behandlungsfeldern in Familien-, Arbeits-, Bildungs- und Sozialpolitik.
3. Bedürftigkeit, nicht Zahlungsfähigkeit muss Leitmaßstab für Verteilungen im Gesundheitswesen bleiben
Der menschenrechtliche und solidarische Ansatz, der mit dem Grundgesetz vorgegeben ist, hat zur Konsequenz, dass im Gesundheitssystem die menschliche Person mit ihren Bedürfnissen und ihrer unteilbaren gleichen Würde im Zentrum steht. Deshalb dürfen sich die Leistungen des Gesundheitssystems in der Grundversorgung, die eine qualitativ hochwertige Behandlung umfasst, nicht an der Zahlungsfähigkeit orientieren, sondern an der individuellen Bedürftigkeit und der Ermöglichung von Partizipation.
4. Gesundheitssorge ist einer der größten Wachstumsmärkte
Gesundheitssorge ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern heute auch einer der größten Wachstumsmärkte der Gesellschaft, dem eine zunehmende Bedeutung für die gesamte Wohlfahrtsentwicklung zukommt. Wenn ältere Menschen durch Primärprävention länger gesund und vital sind, kommen sie als Leistungsträger und gesellschaftliches Potential in den Blick. Dies setzt jedoch eine veränderte Gestaltung der Arbeit sowie lebenslanges Lernen voraus.
5. Ein utopisch übersteigerter Begriff von Gesundheit führt zu falschen Erwartungen
Eine Reformdebatte zur Gesundheit bleibt orientierungslos, wenn sie nicht den Stellenwert von Gesundheit klärt. Gesundheit ist zwar ein fundamentales, nicht aber das höchste Gut des Menschen. Ein humaner Umgang mit Gesundheit und Krankheit schließt ebenso die verantwortliche Sorge für die Gesunderhaltung und Heilung ein wie die Gelassenheit und Demut angesichts der unvermeidlichen Grenzsituationen von Krankheit und Tod. Hierfür bietet der christliche Glaube ethische, spirituelle und praktische Orientierung.
6. Perspektivenwechsel: Von der Defizitorientierung zur ganzheitlichen Betrachtung der Heilungskräfte
Prävention wird auch durch einen Perspektivenwechsel ermöglicht, der nicht defizitorientiert vom Phänomen der Krankheit ausgeht, sondern von den positiven Kräften der Förderung und Erhaltung von Gesundheit. Erst in einem Klima der Verbindung von Psychischem, Sozialem und Physischem gedeiht eigenverantwortliche Gesundheitsfürsorge und –vorsorge. Deshalb sollten komplementäre oder ganzheitliche Methoden eine stärkere Berücksichtigung in der Ausbildung der Gesundheitsberufe sowie in den Finanzierungsmodellen der Krankenkassen finden. Durch eine Kultur der Anerkennung kann der christliche Glaube die Kräfte vitaler Genesung und Gesundheit fördern.
7. Solidarität fordert und fördert Eigenverantwortung
Das Zusammenspiel von Solidarität und Eigenverantwortung ist gerade im Gesundheitswesen von besonderer Bedeutung. Solidarität braucht Eigenverantwortung. Das Gesundheitssystem ist nur gerecht, wenn es eine aktive Beteiligung aller an der Sorge und Vorsorge für die eigene Gesundheit fördert und fordert. Die neue Gesundheitspolitik muss einen öffentlichen Rahmen schaffen, der dem Einzelnen zu einer persönlichen Gesundheitsreform verhilft.
8. Eine persönliche Gesundheitsreform ist weder aufwendig noch zeitintensiv
Notwendig ist eine "persönliche Gesundheitsreform" jedes Einzelnen. Deren Basis sind nicht zeit- und kostenintensive Gesundheitsprogramme, sondern Bewegung im Alltag, gesunde Ernährung durch Maßhalten und Ausgewogenheit sowie eine Kultur der Entspannung im Kontext von familiären, kulturellen oder freundschaftlichen Verbindungen. Auch die gesundheitsfördernde Gestaltung des Wohn- und Arbeitsumfeldes für möglichst alle Menschen ist ein unverzichtbares Element einer präventiven Gesundheitspolitik.
9. Geld verdienen mit Gesunderhaltung
Das Gesundheitssystem wäre längst kollabiert, wenn es nicht viele Ärzte, Pfleger, Therapeuten, Hebammen und andere Mitwirkende gäbe, die nicht den finanziellen Anreizen des Systems folgen, sondern der Leidenschaft für ihren Beruf und der Verantwortung für die ihnen anvertrauten Menschen. Die Zahl derer, die sich dies leisten wollen, wird unter dem Druck einer Reform mit dem Leitbild des Arztes als Unternehmer zurückgedrängt. Nur wenn die Akteure mit Gesundherhaltung der Gesunden das Geld der Krankenkassen verdienen können und systembedingte Verschwendung wie Doppeluntersuchungen oder zu große Medikamentenpackungen vermieden wird, kann der Kostendruck bewältigt werden.
10. Gesundheitsvorsorge
Primärprävention muss im Alltag verankert werden. Dies erfordert die Gestaltung einer gesundheitsfördernden Umgebung sowie die Stärkung des "Laiengesundheitssystems" durch konsequente Gesundheitsbildung in Familie, Kindergarten, Schule und Vereinen. Ein interessantes Projekt wurde mit der bundesweiten Praxisdatenbank "Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten" initiiert, das in so genannten regionalen Knoten Vernetzungsmöglichkeiten und einen Überblick über die vielfältigen Angebote der Gesundheitsförderung bietet, die sich an sozial benachteiligte Zielgruppen wenden. Wünschenswert wäre ferner eine staatliche Ernährungsberatung, die der gesamten Bevölkerung zugute kommt. Aber auch auf Seiten der Patienten beziehungsweise der Bevölkerung ist Bewusstseinsbildung unverzichtbar. Ein Hoffnungszeichen hierfür sind verschiedene Verhaltensänderungen, die es bereits gegeben hat, wie auch Initiativen für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil. Auch kirchliche Gemeinden, Sozialeinrichtungen und Verbände können hier Wesentliches beitragen.