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Im Wortlaut

Predigt von Bischof Gregor Maria Hanke OSB zur Priesterweihe am 24. April 2010 im Eichstätter Dom

Liebe Weihekandidaten,
liebe Schwestern und Brüder,

die erste Lesung aus dem Buch Numeri (Num 16) führt uns in eine gewaltige Krisenzeit des Gottesvolkes. Ein Aufstand, eine Rebellion gegen die Autorität des Mose als Anführer des Volkes. Vor allem wird sein besonderes Priestertum abgelehnt, ebenso das des Aaron: Schluss mit Euerem Priestertum, Ihr seid doch wie wir alle.

Aus der Krise im alttestamentlichen Gottesvolk und aus den Vorwürfen gegen Mose und Aaron möchte man durchaus den einen oder anderen aktuellen Bezug zu unserer kirchlichen Situation herstellen. Eine Situation, die gerade im „Jahr des Priesters“ bedrückend geworden ist.

Aktueller Bezug

Papst Benedikt XVI. wollte mit seiner Initiative des Priesterjahres eine Vertiefung der priesterlichen Spiritualität anregen und im Volk Gottes die Freude über die priesterlichen Berufungen stärken. Aber in kaum einem anderen Jahr der jüngeren Kirchengeschichte wurde die Kirche so von Krisen gebeutelt. Es scheint, als ob der Widersacher seine Antwort auf dieses Priesterjahr nicht schuldig bleiben wollte.

Verunsicherung und Desorientierung haben viele im Gottesvolk erfasst. Fragen, welche die Zukunft der Kirche und ihre Gestalt betreffen, werden heftig und kontrovers diskutiert. Die Medien sind voller Kritik gegen die Kirche, gegen den Papst und seinen Leitungsdienst. Vor allem Priester, aber auch Ordensleute, stehen unter einem sublimen Generalverdacht, der sich in den letzten Monaten wie ein Grauschleier auf uns gelegt hat.

In dieser Feier treten die beiden Diakone Michael Alberter und Laurent Koch vor den Weihealtar, um die hl. Priesterweihe zu empfangen. „Ist das nicht ein gewagter Schritt?“, wird sich mancher unter Ihnen fragen. Vor diesem Hintergrund lädt uns die erste Lesung ein, die Krise des Volkes Gottes damals in der Wüste zu betrachten, um besonders aus dem Verhalten des Mose Impulse für die Gegenwart zu bekommen.

Die Situation im Volk Israel: Rebellion gegen das Priestertum des Mose und Aaron

Gott hatte seinem Volk durch Mose die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens und den Durchzug durch das Rote Meer geschenkt. Jetzt befindet sich das Volk in der Freiheit der Wüste, vor dem Einzug in das Gelobte Land. Man könnte sagen: großartig wie Gott sie geführt hat. Aber das Volk ist unzufrieden. Kritiker haben die Oberhand gewonnen und die öffentliche Meinung im Gottesvolk umgedreht. Führende Kreise kündigen Mose die Gefolgschaft auf. Es geht drunter und drüber. Viele wollen nicht länger sein Leitungsamt anerkennen und werfen ihm vor: Du hast uns nicht in ein Land gebracht, in dem Milch und Honig fließen! Modern ausgedrückt: Du hast Chancen vertan, uns Zukunft zu geben. Du bist unfähig. Deine fehlende Vision zeigt, dass du das Projekt „Exodus“ nicht leiten kannst. Wir wollen die Struktur des Gottesvolkes verändern, damit es endlich vorwärts geht.

Und dann noch der Angriff auf das Priesteramt des Mose und des Aaron. Korach, 250 führende Männer aus der Gemeinde und die Leviten formulieren einen Protesttext gegen den priesterlichen Dienst der beiden: Ihr nehmt euch zu viel heraus. Alle sind heilig, die ganze Gemeinde, und der Herr ist mitten unter ihnen. Warum erhebt ihr euch über die Gemeinde des Herrn? Die Kritik gegen Mose und Aaron basierte auf der Magna Charta: Alle sind heilig, die ganze Gemeinde. Und die Position erscheint zunächst glaubwürdig, weil sie Wahres aussagt. Alle sind ein heiliges und priesterliches Volk. Am Sinai hatte dies Gott durch Mose dem Volk ausdrücklich sagen lassen: Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören (Ex 19, 6). Damit kann sich also die Opposition gegen Mose auf ein Gotteswort stützen.

Mose als Modell für priesterliches Handeln in schwieriger Zeit

Liebe Weihekandidaten, liebe Schwestern und Brüder! Wo sich im geistlichen Leben eine Atmosphäre des Murrens breit macht, verzerrt sich die Sichtweise, gerät das Ganze aus dem Blick, gewinnt das eigene Bedürfnis das Übergewicht vor der Sache Gottes. Daher betrachten die geistlichen Meister Murren und Traurigkeit als Krankheit, die es zu heilen gilt. Der in der ersten Lesung geschilderte Konflikt im Gottesvolk legt eine geistlich-theologische Asymmetrie offen. Eine Wahrheit, die im Gesamtgefüge des Gottesvolkes ihre Bedeutung hat, wird zur ausschließlichen Wahrheit erklärt. Aber ein noch so wichtiger Aspekt der Wahrheit bleibt nur wahr in Verbindung mit der ganzen Wahrheit.

Die Wahrheit besteht aus der Beziehung beider Berufungen: der Heiligkeit des Volkes und dem besonderen Priestertum des Mose und des Aaron. Wo immer im Gottesvolk eine Gleichgewichtsstörung eintritt, sucht man sich gern quantitativ abzustützen. Was und wie die Mehrheit denkt, gibt dann den Takt vor. Zahlen sollen nun dem Mose belegen, dass die alte Wahrheit nicht mehr konsensfähig ist, dass er folglich abzutreten hat. 250 Verantwortungsträger denken so, also muss es richtig sein. Religion wird allzu leicht zur Politik, wo das Hören auf Gott und sein Wort aussetzt.

Und Mose, der doch Stärke bewies und wiederholt durch seinen Zorn die Israeliten zur Ordnung zu rufen vermochte? Warum greift er jetzt nicht durch? Wo bleiben seine Argumente? Seine Antwort in der Krise ist einfach und beeindruckend. Die Haltung des Mose ist modellhaft für das Priestersein in schwieriger Zeit.

Dem Größeren durch mich zur Ansicht verhelfen

Mose wirft sich auf sein Gesicht nieder, wie Ihr, liebe Weihekandidaten, es anschließend bei der Allerheiligen-Litanei tun werdet. Durch diesen Gestus will er in der Krise die Sicht frei machen auf Gott. Schaut auf Gott! Nicht um mich geht es. Ich handle nicht aus eigenem Antrieb. Ich stehe doch für Größeres. Gerade deshalb kann ich diese Wirklichkeit Gottes nur begrenzt mit Argumenten plausibel machen. Ich muss so für Gott eintreten, dass man über meine Person immer besser auf den Sendenden sehen kann. Das hat nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Dem Größeren muss durch mich zur Ansicht verholfen werden!

Ich erweise mich dann als Gesandter, wenn ich durch meine Haltung und mein Tun vermittle, dass das Heil außerhalb meiner - in Gott - seinen Ursprung hat. Von ihm kommt meine Sendung. Nicht mein Ego ist die Quelle. Auch die Gemeinde kann dieses Heil nicht aus sich heraus generieren, und mögen noch so viele zusammen helfen.

Priesterliche Sendung als Handeln im Gegenüber zu den Menschen

Priesterlicher Dienst als Sendung von Gott her, ist daher immer auch ein Handeln im Gegenüber zum Volk. Nicht Mose wird in der kritischen Phase aktiv. Gott selbst tritt durch ihn auf.

Heilsdienst ist Geschenk. Ich muss mir das Heil in die Hände, in das Herz legen lassen. Der Priester, mag er noch so beliebt sein -was gut ist -, darf nicht vergessen, dass er im Gegenüber zu den Menschen zu handeln hat, weil er nicht für sich selbst steht. Der geistliche Kern dieser Berufung im „Gegenüber“ zu handeln, ist aber keine eitle Absonderung des Priesters. Er darf sich nicht als etwas Besseres dünken. Der innere Kern dieses Handelns im „Gegenüber“ ist der Gehorsam gegen Gott.

Jesus hat es uns vorgemacht. Er sendet die Jünger aus, damit sie verkündigen, heilen, Dämonen austreiben. Er beauftragt sie zum Handeln am Volk und steht hinter ihrem Tun. Wer euch hört, der hört mich. Wer euch verachtet, der verachtet mich (Lk 10, 16; cf. weiter Mk 9, 37; Joh 13, 20). Christus hat uns in seinem eigenen hohenpriesterlichen Dienst vorgelebt, was das Gegenüber in letzter Konsequenz bedeutet. Er wurde von Gott, seinem Vater, berufen, wie Aaron. Das haben wir in der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief (Heb 5, 1-10) gehört. Der Gehorsam gegenüber dem Ruf des Vaters ging bis zum Tod am Kreuz.

Am morgigen Sonntag, dem Sonntag des Guten Hirten, wird uns das Bild vom Hirten vor Augen gestellt, das alles zusammenfasst. Denn der Dienst im Sinne dieses Bildes vom Hirten beinhaltet immer auch die Hingabebereitschaft, den Gehorsam bis zur Lebenshingabe.[1] Ich bin der gute Hirte, der sein Leben hingibt für die Seinen (vgl. Joh 10,11). Priesterliche Sendung bewahrheitet sich an der Hingabe und Hingabebereitschaft.

Liebe Weihekandidaten Michael und Laurent! Wachst so in die Haltung der Hingabe, das heißt des Gehorsams, des ‚Ge-Horchens’ hinein, dass Ihr durch Euer priesterliches Tun und durch Euere Existenz so dem Größeren dient, dass Ihr es nicht verdeckt, sondern die Sicht darauf freigebt. Ihr betet jeden Tag in der Laudes das Benedictus: Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, so beginnt dieses Canticum. Der zweite Teil dieses Gesangs stellt uns die soeben skizzierten Haltungen in Form des Lobpreises vor. Ihr dürft sozusagen an jedem Morgen Euer geistlich-pastorales Programm des Priesterseins singen. Im Geist dieses Lobpreises stellt Ihr Euch tagsüber dem Herrn zur Verfügung.

Das Benedictus als geistlich-pastorales Programm

Du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen.

Ich Michael, ich Laurent, ich gehe für einen Größeren, für den Höchsten selbst. Diesem Verhältnis, dass ich viel kleiner bin und doch für einen Größeren stehe, will ich Beachtung schenken. Ich bin Gesandter für! Ich bin nicht selbst die Botschaft und folglich nicht der Größte. Ich muss nicht der Perfekte, der Allrounder sein, der alles kann und weiß. Vielmehr darf ich vertrauen, dass oft mein Kleinsein und Armsein den Blick frei geben auf den Höchsten, manchmal sogar dann, wenn ich am Boden liege.

Du wirst dem Herrn vorangehen.

Ich soll dem Herrn vorangehen: Ich bin Bote der Nähe Gottes. Wo ich bin, wo ich auftrete, da ist der Herr nahe. Meine Existenz und mein Handeln müssen folglich ganz eng an den Herrn gebunden sein, damit man diese Nähe spüren und erfahren kann. Sonst würde ich ja Etikettenschwindel betreiben, wenn ich nicht für seine Nähe bürgen kann durch mein Tun und meine Existenz. Es reicht nicht, über die Nähe des Herrn zu reden. Ihr sollt seine Nähe bewirken. Dazu muss in Euch ein anderer wirksam sein. Ihr sollt sein wie eine Monstranz!

Du wirst dem Herrn den Weg bereiten.

Das ist der frühchristliche Ausdruck für pastorales Handeln. Unser Tun muss Wegbereitung für den Herrn sein, der Bewegung Gottes auf die Menschen zu und umgekehrt dienen. D. h. ich muss als Priester wissen, wohin der Herr gehen will. Nicht meine Vorstellung von Weg und Ziel, sondern seine gilt es umzusetzen. Ihr, liebe Weihekandidaten, habt der Verbindung von Gott und Mensch zu dienen, damit die Menschen auch untereinander verbunden sind. Als Priester seid Ihr Wegbauer und Straßenwärter für das Wegenetz Gottes zu den Menschen.

Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden.

Gerade bei Lukas nimmt die Botschaft von der Vergebung der Sünden einen hohen Stellenwert ein. Wir dürfen diese Stelle eucharistisch verstehen, denn die Quelle der Vergebung ist der gekreuzigte und auferstandene Herr, der in der Eucharistie zugegen ist. An ihm Anteil zu haben, eröffnet Heil. Durch Taufe und Eucharistie geschieht dies. Dann durch das leider weithin vergessene Sakrament der Buße.

Um sein Volk mit der Erfahrung des Heils zu beschenken, sollt Ihr selbst eucharistische Existenzen sein und selbst aus dem Geschenk der Sündenvergebung leben. Das ist wichtig für unsere Zeugenschaft. Für die Apostel und für die ersten Gemeinden kam die Autorität der Verkünder von deren Begegnung mit dem Auferstandenen her. Die ihm begegneten, waren die wahren Zeugen. Unsere Zeugenschaft als Priester wird gestärkt durch die Begegnung mit dem Herrn vor allem in der Eucharistie und aus der Sündenvergebung im Sakrament der Buße. Und nur Zeugen werden das Heil erfahrbar machen.

Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen.

Der Begriff „Finsternis“ im Benedictus meint einen traurigen religiös-sittlichen Zustand. Für diese rein innerweltlich aussichtslos erscheinende Lage gilt die Verheißung des Neuen Lebens, das aufsprosst wie eine junge Pflanze oder aufgeht wie ein leuchtendes Gestirn und den Weg weist. Gott will dieses Leben schenken und sicher auch unserer Kirche in ihrer derzeit bedrängten und manchmal dunklen Lage.

Liebe Weihekandidaten, Euer priesterlich-pastorales Wirken darf dem Neuen Leben Gottes dienen. Wo aber Gottes Leben blüht, wird das Murren geheilt, da findet der Mensch die Wege des Friedens, da wird es hell in seinem Leben. Ich wünsche Euch, dass Ihr das Benedictus, vor allem den zweiten Teil, künftig immer als frohes Bekenntnis Eueres persönlichen pastoralen Programms und Euerer persönlichen Berufung betet und die Menschen auf die Wege des Friedens führt.

Amen.

 

 

 



[1] Hans Urs von Balthasar, Priesterliche Spiritualität, 96.